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Bis der Erhöhte, bei des Bechers Fehlen
Sich seinen Brüdern kundgibt heißgerührt –
Aus goldnem Bibelkelch für jeden Trank
Hab’ alter Kantor, hab’ noch heute Dank!


 Die biblische Geschichte in ihrer großartigen Einfalt und kunstlosen Realistik, der durch die Schlichtheit Wahrheit innewohnt, muß auf die Kindesseele wirken, in die so das Bild des Schönsten unter den Menschenkindern eingebildet und eingeprägt wird, sein Wort und Werk, sein Wesen und Wandel, die ohne Zutat, rein aus sich wirken und gewinnen.

 Freilich gewinnt die Kindesseele durch den Trunk an dem reinen Quell der Wahrheit nimmer Geschmack an den lauen und trüben Wassern moderner Novellistik. Wer aber Geschichte lieben gelernt hat, verliert nichts, wenn er für „Geschichten“ wenig Sinn hat. Die Lebensbilder großer Persönlichkeiten, die Darstellung des Gottesgangs im Leben der Völker vertreiben den Ungeschmack, der mit den ärmlichen Romanen im Tageblatt, in der Sonntagsbeilage seine Welt begreift und umspannt. Die Phrase der meisten dieser „auf Zeilen“ geschriebenen Geschichten verdirbt den Geschmack und der Inhalt das Gemüt. Das Unwahrscheinliche, das Übertriebene in den bunten und farbenprächtigen Schildereien erregt die Phantasie und setzt sie in fortwährende Spannung und Gegensatz zur Wirklichkeit. Unsere Romane lesende Jugend beiderlei Geschlechts verliert die rechten Maßstäbe und Wertabmaße und vergreift und „vermißt“ sich. Eltern, schenkt euren Kindern nie ein Buch, und wenn ihm ein Schock lobender und in Lobpreisung sich überbietender Würdigungen und Empfehlungen beigedruckt und angehängt wäre, ehe ihr es selbst gelesen habt! Denn ein Buch kann ein Hausfreund fürs Leben und ein Handweiser zum Leben werden, aber auch ein

Empfohlene Zitierweise:
Hermann von Bezzel: Erziehungsfragen. Müller & Fröhlich, München 1917, Seite 18. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Hermann_von_Bezzel_-_Erziehungsfragen.pdf/18&oldid=- (Version vom 9.9.2016)