Seite:Hermann von Bezzel - Pflicht und Recht der Inneren Mission.pdf/7

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I.

 Die Pflicht der „Inneren Mission“ beweisen wollen heißt sie leugnen. Denn wenn ein Werk in Gottes Kelch anders als durch Sein und Sosein die Existenz verteidigen und die Berechtigung, also auch Verpflichtung zur Arbeit aufzeigen wollte, so wäre es eben kein Werk, sondern ein Wahn, der, tausendmal gestützt, nicht einmal freien Fußes gehen könnte. Nein, ihre Pflicht ist aus den Verhältnissen mit der Unmittelbarkeit erwachsen, die Grund an Folge bindet und diese auf jenem erbaut. So gewiß Jesus vom Kreuze her in die Welt des Leides und der Not das „Es ist vollbracht“ des Sieges und der Macht gerufen hat, so gewiß hat er nicht mit Einem Zauberwort die Welt verneut, sondern den Sündenmächten und Fluchgewalten die Macht der Liebe entgegengestellt, damit beide bis zu dem Tage ringen möchten, wo der letzte Kampf auch den völligen Sieg bedeutet: Nun ist alles geschehen. die Liebe hört nimmer auf. In den Acker des Fluches, von dem die Disteln des Ärgernisses und die Dornen der Angst dunkel und traurig entsprossen, hat er sich, der edle Morgenstern, die heilige Gottespflanze eingesenkt und eingelassen, damit das Licht in der Nacht und bis zur Ernte das Fluchgewächs neben der Segenssaat wachse, bis am Erntetage diese allein bleibt, jenes vergeht. Denn Licht und Leben gehören zusammen. Dem tiefgründigen, herzerschütternden Pessimismus der Weltanschauung und des Welterlebnisses leiht er das Wort: In der Welt habt ihr Angst. Aber der Optimismus der heiligen Tat ruft mannhaft und machtvoll: Ich habe die Welt überwunden. Und die starke tragende Brücke von Verheißung und Geheiß, aus ewigen Quadern gefügt, führt vom Schmerz zur Freude, vom Weh über das, was nicht sein soll und doch ist, zu der Freude über und auf das, was noch nicht ist und doch sein soll, sein wird: Seid getrost!

 Dieses „Seid getrost“ ist der Reichs- und Rechtsbrief, das Arbeitsgebot, die der Meister seinen Werkleuten, der himmlische König seiner Gefolgschaft ausstellt, damit sie die Welt mit ihr überwinde, nicht durch Phantasien, welche ein Glücksland erträumen, das, kaum gegrüßt, gemieden werden muß, nicht durch Pläne und Berechnungen, welche Faktoren einsetzen, die nicht aus Gottes Wesen stammen noch seinem Willen Zeit und Kraft verdanken und leihen, sondern durch das glaubende Gebet, die hoffende und wartende Geduld, die wagende und wirkende Tat. In der Welt die Angst und darum allezeit Arme bei euch, die ihre Angst zu euch und eure Angst in sich tragen! Es ist eine Utopie, wie sie einst der griechische Philosoph sich auf der seligen Atlantis erträumte, daß Armut und Leid ihr ferne sein möchten. Solange die Welt steht. besteht ihr Weh.