Pflicht und Recht der Inneren Mission

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Autor: Hermann von Bezzel
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Titel: Pflicht und Recht der Inneren Mission
Untertitel: Vortrag zur Jahresfeier des Landesvereins für Innere Mission in Bayern, gehalten im Odeon zu München
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Erscheinungsdatum: 1915
Verlag: Paul Müller
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Erscheinungsort: München
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Pflicht und Recht
der
Inneren Mission


Vortrag zur Jahresfeier des Landesvereins für Innere Mission in Bayern, gehalten im Odeon zu München von


Oberkonsistorialpräsident D. Dr. Hermann von Bezzel


Preis 50 Pfg.
Der Reinertrag zu Gunsten des Landesvereins für Innere Mission



Druck und Verlag von Paul Müller, München, Schwanthalerstrase 55


| Es sei mir gestattet, mit Namen guter Vorbedeutung zu beginnen, wie um das anzudeuten, was das Folgende sagen möchte und anzubieten, was nicht gesagt werden kann, sondern erlebt sein muß und will.
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 In den Septembertagen vor fünfundzwanzig Jahren tagte der 26. Kongreß für Innere Mission, diese Sammlung und Versammlung werktätiger und wegekundiger Männer evangelischen Glaubens in Nürnberg. Es waren lichtbeglänzte, sonnige Herbsttage, in denen man sich wie am Erntetag freute und zu der größten Arbeit, die vor Augen lag, Kraft und Mühe zu rüsten nicht vergaß. Den Grundton gab Adolf Stählins Predigt über 1. Kor. 13, 8–13 an, ein Hochgesang von der Geschichte der Liebe und eine Weissagung auf ihren Fortgang durch Welt und Zeit. „Die Liebe hat nie aufgehört“ so jauchzte und jubelte er in die lauschende Gemeinde hinein, in die Weite hinaus. denn vom Kreuze, an dem die Liebe für die Welt sich geopfert und ihr weh in dank gewandelt hat, geht in die Tiefe und Weite, wächst in die Höhe der Strom der Liebe, durch Rinnsale, welche in einer öden winterlichen Welt ihr gebrochen waren, verneuend und befruchtend, verklärend und belebend, reich an Geschichte und reich durch sie. Das Christentum als Geschichte nicht ein Zeugnis wirrer Leidenschaft noch weicher Gefühligkeit, sondern ein Tatbeweis der Liebe, die das Ihre findet, weil sie es nicht sucht und den Sieg der Wahrheit erlebt, weil sie den Kampf gegen die Wirklichkeit wagt. Es ist die Liebe, die alles glaubt und doch nicht betrogen, alles hofft und doch nicht getäuscht, alles trägt und doch nicht überlastet und erschöpft wird, die alles hofft und duldet und nie aus, nie aufgebraucht wird. diese Liebe wird so gewiß nicht aufhören, als Jesu Christi Kreuz die Welt überragt und die Zeiten überdauert. Die Tage der Klage gehen hinab und kommen herauf, die Nöte der Welt tragen andere Fragen, so scheint es, und schließen doch um die eine| alte nach Zweck und Ziel des Daseins sich zusammen. Neue Mittel und Schlüsse suchen diese zu lösen, neue Tröstungen und Heilmittel jene zu wenden. Aber es bleibt doch dabei, daß in keinem andern das Heil der Welt ist als in dem, der die Arme am Kreuze ausgebreitet hat, um emporzuheben. Wo das Rätsel der Sünde gelöst ward von dem, der es an sich erfuhr, da bleibt der allzeit kräftige Trost.

 Zu dem dichterisch schönen und doch tatenreichen Zeugnis des sonnigen und siegesfrohen Predigers, der sich nicht ewige Jugend geschworen, sondern empfangen hatte, weil im Mittelpunkt seines persönlichen und amtlichen Lebens Jesus Christus als Meister aller Schönheit stand (Weisheit Sal. 13, 3), trat das gewichtige und markige Wort Adolf Kahls, dessen beste Kraft der hiesigen evangelischen Gemeinde galt, ohne auf sie beschränkt und von ihr ganz gebraucht zu sein, des Gründers und Leiters der ersten bayerischen Arbeiterkolonie, nach dessen Willen Nord und Süd unseres Bayernlandes für die wandernden Brüder auf der Landstraße die Herberge bereiten mußte, dort Simonshof in der Rhön, hier Herzogsägmühle am Fuß der Alpen.

 In einem Vortrag über Gewinnung persönlicher Kräfte für die freie und für die berufsmäßige Tätigkeit im Dienste der inneren Mission betont Kahl die allgemeine Wehr- und Dienstpflicht aller Gläubigen für das große Werk der Hilfeleistung, die Dämme gegen die Hochflut der Sünde ausrichtet, fortgetragenes Land einholt, anderes rettet, bepflanzt und bestellt, schärft den Pfarrern das Gewissen und prägt den Männern und Frauen ein, wieviel sie tun könnten, wenn sie berechnen, was sie unterlassen haben, ruft Synoden und Konferenzen, Kirchenleitung und die akademische Unterweisung zur Arbeit herbei, legt es der inneren Mission ans Herz, nicht Zahlen, sondern Persönlichkeiten, nicht Maßnahmen, sondern Menschen Gottes aufzubieten und anzustellen.

 Buchrucker, der wahrlich zum Urteil befähigte Zeuge jener Tagung vor fünfundzwanzig Jahren, rühmt in seinem Berichte, Stählins Predigt sei eine leuchtende Tat, Kahls Vortrag eine stützende Kraft gewesen. Und das reiche Zeugnis der großen Versammlung dankte für beides.

 Mögen die Lichtgestalt Stählins, die Kraftgestalt Adolf Kahls, die aus Leid und Arbeit verklärte Freundlichkeit und praktische Weisheit Karl Buchruckers, ein Dreiklang aus der Welt ungestörter Einmütigkeit und unverstimmter Harmonien uns umgeben! Die Wolke der Zeugen senke sich auf uns nieder, der Segen des Treuen und Wahrhaftigen gönnt sie uns: Glaube, Hoffnung und Liebe bleiben.




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I.

 Die Pflicht der „Inneren Mission“ beweisen wollen heißt sie leugnen. Denn wenn ein Werk in Gottes Kelch anders als durch Sein und Sosein die Existenz verteidigen und die Berechtigung, also auch Verpflichtung zur Arbeit aufzeigen wollte, so wäre es eben kein Werk, sondern ein Wahn, der, tausendmal gestützt, nicht einmal freien Fußes gehen könnte. Nein, ihre Pflicht ist aus den Verhältnissen mit der Unmittelbarkeit erwachsen, die Grund an Folge bindet und diese auf jenem erbaut. So gewiß Jesus vom Kreuze her in die Welt des Leides und der Not das „Es ist vollbracht“ des Sieges und der Macht gerufen hat, so gewiß hat er nicht mit Einem Zauberwort die Welt verneut, sondern den Sündenmächten und Fluchgewalten die Macht der Liebe entgegengestellt, damit beide bis zu dem Tage ringen möchten, wo der letzte Kampf auch den völligen Sieg bedeutet: Nun ist alles geschehen. die Liebe hört nimmer auf. In den Acker des Fluches, von dem die Disteln des Ärgernisses und die Dornen der Angst dunkel und traurig entsprossen, hat er sich, der edle Morgenstern, die heilige Gottespflanze eingesenkt und eingelassen, damit das Licht in der Nacht und bis zur Ernte das Fluchgewächs neben der Segenssaat wachse, bis am Erntetage diese allein bleibt, jenes vergeht. Denn Licht und Leben gehören zusammen. Dem tiefgründigen, herzerschütternden Pessimismus der Weltanschauung und des Welterlebnisses leiht er das Wort: In der Welt habt ihr Angst. Aber der Optimismus der heiligen Tat ruft mannhaft und machtvoll: Ich habe die Welt überwunden. Und die starke tragende Brücke von Verheißung und Geheiß, aus ewigen Quadern gefügt, führt vom Schmerz zur Freude, vom Weh über das, was nicht sein soll und doch ist, zu der Freude über und auf das, was noch nicht ist und doch sein soll, sein wird: Seid getrost!

 Dieses „Seid getrost“ ist der Reichs- und Rechtsbrief, das Arbeitsgebot, die der Meister seinen Werkleuten, der himmlische König seiner Gefolgschaft ausstellt, damit sie die Welt mit ihr überwinde, nicht durch Phantasien, welche ein Glücksland erträumen, das, kaum gegrüßt, gemieden werden muß, nicht durch Pläne und Berechnungen, welche Faktoren einsetzen, die nicht aus Gottes Wesen stammen noch seinem Willen Zeit und Kraft verdanken und leihen, sondern durch das glaubende Gebet, die hoffende und wartende Geduld, die wagende und wirkende Tat. In der Welt die Angst und darum allezeit Arme bei euch, die ihre Angst zu euch und eure Angst in sich tragen! Es ist eine Utopie, wie sie einst der griechische Philosoph sich auf der seligen Atlantis erträumte, daß Armut und Leid ihr ferne sein möchten. Solange die Welt steht. besteht ihr Weh.

|  Wo aber Weh zugleich als Protest gegen sich selbst ersteht „Herr, warum?“ und der Jammer emporblickt als eine Frage über sich, da kehrt die Liebe ein, und schon ihr Anblick ist tröstlich. Denn sie trägt nicht die starren Züge der Herablassung, daß die Not sich abermal fürchten müßte, eine kalte Unnahbarkeit weltfremder Hoheit, der kein Herz sich voll erschließen, keine welke Hand ihr Leid anbieten möchte, sondern auf ihrem heiligen Antlitz haben Not und Angst sichtbare Furchen gezogen, über die klärend und segnend die Siegesfreude hingeht. Sie trägt die Malzeichen des Herrn Jesu in ihrer Sichtbarkeit (Gal. 6, 17), Narben des Kampfes und Ehrenmale des Sieges.

 Und ihr erstes Wort lautet nicht, segnend scheinbar, in Wirklichkeit mehr versprechend als gebend: Weine nicht! sondern ist die linde und mütterliche Frage: Was weinst du? Es liegt in dieser Frage die wundersame Erinnerung an die „Sympathie“ im Vollsinn dieses oft verkannten und mißbrauchten Wortes, an das Mit-Leiden, das so ernst und groß, so echt und wahr gewesen ist, daß es nimmer vergessen will und kann, was es einst erfuhr und bei allen Leidenden die frohe Ahnung erweckt, daß hier Verständnis wohne, dem man sich vertrauen, und Erfahrung spreche, der man sich ohne Worte mitteilen kann. denn die wahre Not macht schweigsam und die wohlberedte ist nicht wahr, das tiefste Leid sucht umsonst nach Worten. Aber die Liebe deutet auch das Schweigen, ja dies am liebsten und am besten. Zu dem Einsamen dort am Meere, den Winde und Wogen umdrohen, spricht sie: Warum schreiest du also? (2. Mose 14, 15).

 Die Innere Mission hat als Tochter der nicht aus dem Leide geborenen, aber für die Not gewordenen Liebe die Pflicht zu fragen, denn sie kennt das Leid in sich. Es ist ihr nicht wesensverwandt und doch ihr Mutterboden, nicht ihr Grund und doch ihre Ursache, sie entstammt nicht dem Leid und der Not des Daseins, aber sie verdankt sich ihm. Wie die Stürme des Winters den Frühling wecken, den sie nicht erzeugten, und aus der Starrheit das Leben hervorrufen, die es nicht gebar, so ist das Werk der Inneren Mission vom Leid des Tages gerufen, das sie um seine Tränen befragt und das sie trösten will.

 Denn zur mitleidsvollen Frage fügt sich das hoheitsvolle Trostwort: Weine nicht! Der müde, unmännliche Weltschmerz nennt die Träne des Lebens Weihe und den Tod des Lebens Kraft. Weltverneinung ist Weltüberwindung und je mehr der Mensch weint, desto tatenloser und ruhevoller schließt sich die Kette, deren Schlußglied Verzweiflung und deren Ende die süße Ruhe des Nichts ist. – Weine nicht! der Stoizismus heißt den Schmerz verachten und so ihn heilen: wer ihm das Recht abspricht, der hat ihn besiegt. Wer das Leid nicht achtet, den verläßt es, und die Bitterkeit des Todes flieht den, der seiner lacht, aber das Wort des Trostes ist die Tat der Treue. Sie sinnt auf| Arzneien aus den Pflanzen, die der himmlische Vater gepflanzt hat (Matth. 15, 13) und sorgt für deren Zubereitung und Darreichung, sie spricht nicht mit wohlfeil frommem Bekenntnis! (Jak. 2, 16). „Gott berate auch“, ohne Hand ans Werk zu legen und persönlich erfindsam zu sein, sondern sie kommt und überzeugt sich von dem Jammer und „sieht, wie es geht“ und gießt in die Wunden das lindernde Öl und den stärkenden Wein und wird darüber nicht müde noch arm, denn sie kennt Quellen der Kraft und Schätze des Reichtums, weil sie von dem ist, der spricht: Ich bin der Herr, dein Arzt. So hat der, welcher dem Leid noch seine Zeit verordnet und die Erde, trotzdem sein heiliger Kreuzesweg über sie hingegangen ist, mit der Angst und Armut verbündet hat, der Liebe und einer der Ihren, dem Werk der Inneren Mission, ihre Pflicht zuerkannt. Wo Armut, da Hilfe, wo Not, da Trost, wo Leid, da Liebe.

 Diese Liebe ist nicht Humanität im engeren und darum modernen Sinne, wohl aber im besten. Die Geschichte der Kirche erweist das Gesetz von der Nähe der Extreme, deren eines durch das andere korrigiert und gestraft wird. Ehe der tatkräftige Pietismus die rechte Lehre zu wahrem Leben vertiefte und in der Kirche überdies lehrte, daß „ein Tropfen Liebe besser sei als ein ganzes Meer der Wissenschaft über alle Geheimnisse“ (Francke) und wiederum nachdem er, ein froher Frühling, zu herrlich, als daß er ganz wahr sein konnte, vergangen war, hat leicht das Wort der Klarheit und Bestimmtheit über das Wesen der Sünde und ihres Leides, über das Wesen des Heils und seines Trägers die Möglichkeit der Tat zurücktreten lassen. Wie ist doch auch zu Jesu Füßen Gefahr!

 Da trat, das Wesen und den Grund des Leids verkennend und die Wahrheit des Heils unterschätzend, aber obwohl er beides nicht verstand, mit Willigkeit und gutem Mute der Humanitarismus der Aufklärung auf den Plan. Dem Christentum ohne rechte Humanität, ohne Wärme für die Wirklichkeit und ohne Wirksamkeit für die Not trat eine Humanität ohne Christentum entgegen, wie eine Hilfe für die Not der Stunde, da sie die Tiefen nicht kannte noch verstand, Hilfe mit unzureichenden Mitteln, aber doch Hilfe. Ihr ist darum zu tun, daß dem Augenblick werde, was er begehrt und zu bedürfen scheint und die Linderung komme, die zwar nicht erquickt, aber beruhigt. Sie kann nicht auf Grundsätze sich erbauen, die ihr Wesen bedrücken und ihr Werk beengen müßten, sie giebt nicht, was sie ist, sondern was sie hat, froh darüber, daß sie nicht mehr geben muß. Die dunklen Hintergründe, aus denen Leid und Dürftigkeit, Hunger und Not sich ablösen, die das Auge beleidigen und die Stimmung trüben, kennt der Humanitarismus nicht. Sie zu bestimmen und zu beschwören mag anderen Kräften überlassen bleiben.| Aber er sucht die Erscheinungen des Augenblicks für die Stunde zu bannen und weiß sich ihr nur verpflichtet.

 Innere Mission aber, die auf den Grund der Dinge zu sehen befähigt und darum verpflichtet ist, wiederum das kluge aus den wahren und eigentlichen Nothelfer gerichtet hat, würde sich selbst ausgeben, wenn sie bekenntnislos wäre und der Augenblicksnot die erste Hilfe allein erwiese, ohne Not und Gnade ganz zu erwägen. Sie hätte ihr Recht um das Linsengericht des schnelleren Erfolges verkauft und Schaden an ihrem innersten Wesen genommen, ohne doch die Welt gewonnen zu haben. Es sind manche Anmutungen an sie ergangen, das Innerste ihres Wesens dranzugeben und so größere Kreise um ihr Werk zu ziehen und für ihre Arbeit zu gewinnen. Aber um deswillen, dem sie dient, muß sie in der Enge bleiben, die vertieft, und in den Schranken gehen, die erstarken lassen. Neidlos sieht sie größere Erfolge, die der humanitären Bewegung gewiß nicht ohne Gottes Willen zufallen, freut sich über Anstalten und Werke, die der Menschenfreundlichkeit natürlichen Gepräges gelingen, glaubt auch nichts sich zu vergeben, wenn sie mit anderweitigen Bestrebungen eine Wegstrecke weit geht, denn alles ist dem zu Dienst und Gebote, der Christi ist. Aber in dieser edlen Weitschaft ist ihre Grenze. Was sie nicht mit ihrem Herrn kann, das tut sie nicht ohne ihn. Die Vielgeschäftigkeit ist ihr noch nicht Tat und die Erfindsamkeit ist noch nicht Liebe. Sie begehrt nicht Dinge zu machen, die des wahren Gehaltes entbehren und wartet, bis Seine Zeit gekommen ist. Andererseits ist es ihr Recht, weil es ihr der geliehen hat, dem Silber und Gold gehören, sich aller Gaben an Zeit und Mitteln zu bedienen, die ihr dargereicht werden. Wenn sie auch mit der Zeit nicht kargt, also daß sie Niemanden, um ein Wort Kingsleys zu gebrauchen, warten läßt, bis eine Komiteesitzung oder eine wichtige Beratung zu Ende geführt ist, weil der Leidende sonst sterben könnte, so glaubt sie doch, es „sei das Recht großer Christen, Schulden zu machen und die kleineren Christen sie zahlen zu lassen.“ Bodelschwingh’s Werke wären ohne diese Maxime nicht entstanden.

 Es ist ja auch nicht Innere Mission, wenn jetzt so viele Veranstaltungen zu Gunsten der Armen zugleich dem Vergnügen dienen. – Nicht die Summe der Zigarrenabfälle gibt Mittel, sondern die Ersparnis durch Genüsse, die man sich versagt. Auch kommt füglich durch Abbruch von geistigen Getränken mehr Geldhilfe ein als durch Sammlung des Flaschenstaniols. Aber vielleicht darf die Liebe zum Elend da und dort sich dienen lassen, wenn ihr Gewissen nicht bedrückt und ihr Blick nicht getrübt wird. Gott kann auch mittelbare Handreichung heiligen und läutern.

|  Viele Gedanken werden durch die Not der Zeit erweckt. Da ist es Pflicht der christlichen Liebe, sie zu prüfen und zu belehren, sie gewähren zu lassen, wo es sein darf, und sie zu gebrauchen, wo es sein kann. Aber bei und über allem wirkt sie aus Höhen der Liebe über ihr in die Tiefen unter ihr und läßt sich an der Gnade genügen, die in der Unzureichendheit des menschlichen Könnens und in der Unvollkommenheit auch der treuesten Meinung als vollendende Kraft sich erweist. –

 Zu der allgemeinen Not, die alle innere Mission erweckt, welche die „Barmherzigkeit ihren Weg zum Heil des Volkes ziehen läßt“, wie einmal die Kaiserin Augusta an ihren kaiserlichen Gemahl schreibt, zu der Not der Umwelt, die bald anschwellend, bald ebbend, aber immer vorhanden ist, tritt die sonderliche Not der sturmbewegten Zeit, in der wir stehen. Aus ihrem Schoße werden Nöte und Anliegen geboren werden, nicht neue vielleicht, aber in ihrer Aneinanderreihung und Verkettung, in ihrer Fülle und Gedrängtheit, in den Begleiterscheinungen und Folgen besonders schwierig, wie zu übersehen, so zu bestehen.

 Wir verkennen und vergessen nicht, welche Arbeit der Staat, seiner höchsten Pflichten und sozialen Aufgaben eingedenk, auf sich genommen hat und wie die Hände, die eben zum Kriege die Waffen geschliffen und dargereicht haben, „Charpie für die Wunden bereiten“ (Johannes Falk), welche dieser geschlagen hat. Invaliden- und Krüppelfürsorge, Blindenunterweisung und Handfertigkeitsunterricht – das sind Ehrenzeichen für den Staat, dem das Christentum das Gewissen geschärft hat. Die Antike kennt solche Mühewaltung nicht: ihre Fürsorge erstreckt sich nicht auf die Pflege, sondern auf die Verhinderung der Unkraft. Aber der freien Liebestätigkeit, die der Staat ehren will, wenn auch nicht wecken kann, dem Drange in Christi Nachfolge zu helfen, ist ein weites Feld noch gelassen. Diese Liebestat geht ja jetzt schon pflegend und tröstend, erquickend und helfend mit dem Antlitze, das Frieden in das bittere Leid bringt, ins Feld hinaus, nicht um andere zu verdrängen, sondern um zu ergänzen, nicht sich zur Ehre, sondern dem Friedefürsten zu Dank.

 Welche Not, so fragen wir, wird nach dem Kriege anheben, wenn Verdienstlosigkeit die plötzlich in großen Mengen zurückflutenden Männer erwartet, deren Angebot nicht gleich der raschen Nachfrage begegnet, da Handel und Gewerbe erst für die anders gestaltigen Zeiten sich einrichten und neue Absatzgebiete erschließen müssen, wenn vollends entkräftete, unkräftige, müde Männer auf Erwerb sinnen, der ihnen nimmer wird. Jetzt schon erinnert sich die christliche Liebestätigkeit, daß es ihr gutes Recht sei, der Armut zu begegnen und ihr das sorgende Auge zuzuwenden, die| Umfrage und die helfende Hand darzubieten. die Not ist nicht die Mutter der Tatenlosigkeit, sondern der Tatkraft. Sie wagt es auf göttliches Geheiß mit dem Wagemut, der Sorgenberge ins Meer der Gottesliebe versenkt, Häuser zu öffnen, zu denen die Not die Steine gebrochen und das Erbarmen zusammengefügt hat. Sie weiß sich ohne Mittel, ohne Freunde, sie trägt Bedenken zu bitten, aber nicht zu beten, weil sie an dessen Nähe glaubt, der nicht über elendes Geld den Glauben darniederliegen läßt. Ihn zu bestimmen ist ihr Kindesrecht, ihn zu zwingen die männliche Kraft ihrer Gebete. Mein Vater, Dir ist alles möglich, gib, was Du befiehlst und befiehl dann, was Du willst. Noch sind weite Ödungen in unserem Bayernlande, noch auch Schlösser genug, die niemand mehr will, zu besiedeln. Das sind Hoffnungen für viele. Es ist etwas Großes, zu berechnen, aber größer ist es, auch Gott wagen zu lassen.

 Zu den arbeitslosen und arbeitsbeschränkten Männern tritt die Menge der verwitweten und vereinsamten Frauen. Sie vor der Not, die leicht zur Sünde führt, zu bewahren, aus dem Fluch der Vereinsamung zu retten, mit der Spott und Schande ihr loses Spiel treiben, das wäre ein Ehrenpreis unserer evangelischen Frauenbündnisse, für diese Not den Mund aufzutun, wäre ihr vornehmstes Stimmrecht. Die innere Mission hat ja bei und mit jenen Frauen angehoben, die ihrem sie vom Makel der Lebensform lösenden und von der Unfreiheit erlösenden Meister aus ihrer Habe Handreichung taten, ist aus Tabeagestalten und den Reihen derer um Phöbe herangewachsen. Die Geschichte des Christentums ist die Geschichte der Liebe, und diese eine Geschichte der Frau, die Marthas Liebeseifer und Marias Heiligungsernst verband. Es ist das Recht der Frau, ihrer Geschlechtsgenossin nahe zu treten und nachzugehen. Und mit seinem Wortspiel hat das Mittelalter Frau und Freude zusammengestellt! Wie viel Barmherzigkeit bedarf ein durch das Weh des Witwenleides verdüstertes Herz, wie viel Sonne eine Witwenkammer, an deren Türe drohend der Mangel und schmeichelnd die Versuchung klopft. Frauenberufe gilt es nicht zu entdecken, sondern zu erschließen. Es sind freilich im Industrialismus unserer Tage manche geschäftige Hände zur Ruhe gestellt. Aber noch hat ehrliche Arbeit Gelegenheit und Lohn, die etwa in neuen Bahnen das alte Werk tut. Vielleicht öffnen andere Landstriche sich dem redlichen Fleiß, und die Liebe geleitet beratend, tröstend und ermutigend auch in die Fremde, macht auch die Ferne heimatlich und warm.

 Die Kinderpflege, die Fürsorge für die vaterlose Jugend, die entweder ihren Schutz draußen auf dem Schlachtfelde verloren oder daheim nimmer recht gefunden hat, ist fast über Nacht zum schwierigsten Problem geworden,| das die Zukunft der Gegenwart stellt. Deutschlands Jungmannschaft, seine Hoffnung für die Tage des Friedens, daß es stark und fest und sicher werde, seine Kraft zur Lösung bedeutsamster Kulturaufgaben, welche dem Staate, dem Volksganzen mit erneuter Gewalt gestellt sind, will wohl umhegt und gut beraten sein. Wer öffnet Herz und Haus der Fürsorgeerziehung, wer gibt in die Waisenhäuser rechten Geist des guten Rats und guten Mut zu rechtem Werk? Wer gedenkt der Verwahrlosten, daß sie nicht Ballast des stark beschwerten, sondern Arbeiter des fröhlich geförderten Schiffs werden, das Deutschlands Geschicke trägt? Wer nimmt sich der unberatenen und unbewachten Sonntagnachmittage an, deren Schreckhaftigkeit Glück und Frieden zerstört; die innere Mission, zaghaft, wenn sie an sich, getrost, weil sie an ihren Herrn denkt, stellt sich in die Reihen der Arbeiter und Erzieher und spricht: hier bin ich, sende mich! Das zu sagen ist ihr Recht, wie die Not es ihr zugesprochen und die Zeit es bestätigt und Gott ihr gesegnet hat.

 Unübersehbar ist die Not, unausdenkbar die Frage, die aus der Zeit aufsteigt und unbeantwortlich die Frage an sie. „Ich habe nur diesen Stab“, spricht fast verzagt die Botin der Liebe an die Welt zu dem Leid und der Angst. Nur diesen Stab! Aber es ist ein aus ewig grünendem Laubholz geschnittener Stab mit der alten Umschrift des 23. Psalms, jugendstark, obgleich er Jahrhunderte durchschritten, jugendfroh, obgleich er ihr tiefstes Leid durchlitten hat. Nur ein Stab, aber mit ihm schlug Christi Dienerin an den ewigen Fels, da ging viel Weisheit, Wasser und Labung über das Dürre und Ströme über die Wüste hinaus. Dieser Stab hat noch die alte Wunderkraft, weil ihm das alte Gnadenrecht verliehen ist, daß „wer am meisten glaubt, am meisten nützen wird“. Ihr Bestes fiele dahin, ihre innerste Kraft müßte hinsiechen und versagen, wenn die innere Mission neue Stäbe, geglättete und verfeinerte, aller knorrigen und rauhen Stellen entledigte Hilfen an sich nehmen wollte, loskommen würde von einer Stütze, über der allein steht: Mein Stecken und Stab. Mögen andere besseres haben und wissen, die Zeit der Not wird es erproben, mögen andere leichter und gewandter arbeiten, die Freiheit gehört nicht der Gewandtheit, sondern der Treue.

 Und Eine Not wird nach dem Kriege sonderlich und gewißlich erstehen, soviel man von Wendung des Volkssinns, von Erneuung der Volkspsyche und den unverlierbaren Werten „des religiösen Empfindens und seinem Aufleuchten“ auch sprechen mag. Ich weiß, daß Schwermütigkeit dem Dank abbricht und Melancholie nicht männlich, geschweige christlich ist, vielmehr der Teufel, ein melancholischer Geist, aller Freude wehrt. Und wir freuen uns von Herzen, wenn die alten Glaubenslieder klingen, wie am Tage ihres| Werdens, „herrlich wie am ersten Tag“, rühmen es, wenn das Schutz- und Trutzlied von der festen Burg im rechten Geiste gemeint und gesungen wird.

 Aber um der Wahrheit willen, die von der Liebe nicht entkräftet, nur erwärmt wird, wissen wir uns von dem Wahne geschieden, als ob nach dem Kriege ein neues Leben erwachen wollte, das Christo seine Lieder darbrächte und seinem Willen sich zu eigen gäbe. – Die alten Gegner sind nicht gestorben, sondern nur eine Weile zurückgetreten. Die Feinde der göttlichen Weltordnung leben und wollen leben und sich ausleben. da wird die Innere Mission, die unter dem Sturmläuten des Jahres 1848 zwar nicht geboren, aber neu erweckt ward, ihr bestes tun müssen. Ihre selige Pflicht heißt: „Ich glaube“, ihr Wappen ist das Kreuz, ihr Adelsbrief: Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. – Sie kann den Adelsbrief zerreißen, das Wappen ändern, aber sie kann es nicht, ohne ihr Wesen zu verlieren. Dann heiße sie Sozialismus oder Kulturismus oder Humanitarismus, je klarer, desto freier, je freier, desto besser. Aber Christi Geist hat sie nimmer, denn sein Geist bewahrt, was er hat, um zu bewahren, was ihn nicht hat. Apologia vitae est vita. Daß Jesus ist, wirklich und wesentlich ist, nicht ein Glaubenssatz ist das, sondern eine Lebenskraft, die eben im Leben bewährt wird. Carlyle sagt einmal, der Lebensnerv der Religion sei die Initiative. Daß gegenüber der Irreligiosität, deren Kraft die Verneinung und deren Tat die Sammlung der Verneinenden ist, dieser alte Glaube Mut zum Angreifen und Eingreifen hat, nicht Erweisbares zu beweisen und zu verteidigen, aber christliche Weltanschauung in ihrer königlichen Souveränität und dienenden Willigkeit als im Glauben über sich, in der Liebe unter sich zu vertreten, das ist innerste Mission, die nicht in Worten spricht, sondern in Kraft steht.

 Alle Antithese gegen das Übersinnliche wird nur durch die These bestanden, welche das Ewige konkretisiert, die Lehre ins Leben umgestaltet und dieses aus ihr. Wenn das alte Zeugnis, nicht der Unkenruf unweltläufiger Weltflucht, sondern das Jugendbekenntnis wahrer Freude und die Lust zum reisigen, ritterlichen Leben in Gott, wider alle Gemeinheit in Wort und Wandel, gegen Sinnlichkeit und Sybaritentum, die so gerne nach schweren Anstrengungen einkehren, gegen Genußsucht und das Behagen an Flüchtigem, gegen Beugung der Würde und der Sitte unter Mode und Willkür der Tagesgrößen gelten will, dann ist es stets auf dem Wege der Pflicht. Denn Pflicht der guten Sache ist, gut zu sein. –

 Aber man könnte mir billig und mit gutem Grunde einhalten, daß die Pflicht der inneren Mission so aus den allgemeinen wie aus den besonderen Verhältnissen doch nicht die nähere Bestimmung rechtfertige, die mit den Worten „in Bayern“ gegeben ist. Denn wenn anders innere| Mission nicht diese oder jene einzelne Arbeit, sondern „die gesamte Arbeit der aus dem Glauben an Christum geborenen Liebe ist, welche die Massen in der Christenheit innerlich und äußerlich erneuern will“ (Wichern: Prinzipielles zur Inneren Mission, Bd. III, S. 268) so trifft diese Erklärung überall da, wo sie arbeitet und umschreibt ihr Recht jeglichen Orts.

 So muß noch ein besonderes Moment sein, das für unser Bayernland und die evangelische Kirche in ihr einen Pflichttitel bezeichnet.

 Dieser Einzelmoment liegt in der Geschichte der Inneren Mission bezeichnet, die sie in unserer Landeskirche erlebt hat, ehe sie noch das organische Gebilde war und nachdem sie es geworden ist. So gewiß keine deutsche Landeskirche aus so vielen kleinen Gemeinden zusammengesetzt ist wie die Kirche diesseits des Rheins – ich erinnere nur an Unterfranken mit seinen Reichsstädten, Reichsdörfern, bischöflichen und standesherrlichen, markgräflichen und klösterlichen Gebieten, ungefähr 20 – so gewiß gehen durch diese Einzelgebiete und Ordnungen – man denke an die erste reformatorische Armenordnung der Stadt Augsburg von 1522, der Stadt Nürnberg von 1525, an die Waisenhausordnungen von Regensburg und Lindau, – durch die Krankenordnungen von Rothenburg und wieder von Regensburg, auch die Ordnung für Einzelerziehung der Kinder (Fürsorge in Familien), wie sie die Stadt Memmingen 1782 nach dem Vorgange von Kopenhagen und Gotha traf, durch die Christentumsgesellschaft in Augsburg und Nürnberg – wahrhaft maßgebende Gedanken der Inneren Mission, wert, neu gelesen und gelebt zu werden. Alle Probleme der Jetztzeit, auf Subjekt wie Objekt der Inneren Mission gesehen, finden dort tiefgrabende Beachtung. Die Bedeutung der Einzelpersönlichkeit, die Verbindung von Freiheit und Ordnung, von Weitschaft und Enge, die Arbeitsgelegenheit, deren Benützung und Entlohnung, die Grundfragen der Erziehung, all dies wird vor dem geschlossenen und bestimmten Bilde christlicher evangelischer Weltanschauung gewürdigt. Wie ins einzelne sich ein Lebewesen verästelt und verädert, so wird ohne doch in Kleinlichkeiten zu geraten, in der Armen- und Krankenordnung jede Speisezutat, jedes Reichnis bestimmt, in den Hausordnungen Lektüre, Spiel, Unterhaltung geregelt. Es ist ehrenfeste Genauigkeit, die Instruktionen großen Stils gibt, nicht Ketten um den Fuß, sondern Stäbe in die Hand.

 Aber bedeutsamer als diese Erinnerungen an Ordnungen und Gesetze, hinter denen freilich Persönlichkeiten stehen, leuchten in das 19. Jahrhundert hinein, in das 20. hinüber edle und erlauchte Namen, deren lichte und milde Klarheit, wie Bengel einmal zu Römer 16 sagt, als „Sterne am Himmel der Ewigkeit“ glänzen. Mit dem Kaufmann Tobias Kießling, der, ein rechter Kaufmann, köstliche Perlen der heiligen Schrift einhandelte und verschenkte,| mit dem Nürnberger Pfarrer Schöner, der, vielleicht äußerlich nicht geschäftsgewandt, doch innerlich Großes von Gott erhoffte, für den er Großes wagte, beginnt die edle Reihe der Männer, deren Namen von besserer Hand aufgezeichnet sind und in treuerem Gedächtnis bewahrt bleiben, als Menschengabe und -Kunst es vermögen. 1824 haben Krafft, der treue Lehrer an der Universität Erlangen, Ranke und Karl von Raumer in Veilhof bei Nürnberg das erste Rettungshaus gegründet, das jetzt noch blüht, aller äußeren Sorge entnommen. Welches Geistes Raumer war, der am 2. Juni 1865 gestorben ist, beweist die von ihm gewählte Grabschrift aus Matth. 24, 12, von der Ungerechtigkeit, der Erstarrung und den Lohn der beharrlichen Treue.

 Ob er arme Kinder um sich sammelte, mit denen er Lieder und Sprüche lernte – nicht nur der große Historiograph der Pädagogik, sondern ihr aus übender Meister – oder seit 1835 arme Handwerksburschen in den Wintersonntagen zu sich berief denen er das Neueste aus der Missionsgeschichte vortrug und allerlei Wissenswertes aus der Naturkunde mitteilte, oder mit Studenten die Bekenntnisse des Augustin las, immer war es die Sorge für das Beste, die ihn trieb zu suchen, zu werben und zu gewinnen. Ehe Arbeiterverein und Handwerkerverein, Christlicher Verein junger Männer und Bibelkränzchen bekannt waren, hat Raumer mit seinen Genossen all diese Arbeiten getan, hat Schunk, der Erlanger Stadtvikar, dort den ersten Kindergottesdienst eingeführt und den Gedanken der kirchlichen Armenpflege in einer noch jetzt lesenswerten Schrift erweckt, hat der Nürnberger Rektor Karl Roth, der große Gymnasialpädagoge und Nachfolger Hegels die erste Kinderschule zu Nürnberg (1831) gegründet, der er ein herrliches Geleitswort auf den Weg gab.

 Vor unsere Augen tritt Roths und Raumers Schüler und beider Freund, ihr Jünger und Lehrer zumal, der schlichte Dorfpfarrer Wilhelm Löhe, aus Eigenem geworden, weil er ganz sein selbst war, niemandes Nachahmer und jedes Christen prüfender Nachfolger, nicht sowohl ein Mann der Inneren Mission, als ihr Vorbild, ganz von der Schönheit des lutherischen Bekenntnisses durchdrungen und doch ein Mann der ökumenischen Weite, Meister in der Formung des Unscheinbaren, daß es edel und würdig ward und in Gestaltung und Ordnung, daß alles löblich und recht sei, dem evangelischen Bayern seine ersten Diakonissen zwar nicht gebend – das tat Kaiserswerth am Rhein – aber erziehend, reich an Anregungen, deren Zeit noch nicht gekommen ist, vielleicht nie kommt, kühnen Glaubens und doch bedachtsam und wägend, voll Wagemuts und doch ein Mann der Stille, ferne von allem Rühmen, aber voll edlen Stolzes, groß genug, auf Nachahmer zu verzichten, zu groß, um Nachfolger zu erziehen, einsam und unverstanden, oft auch den| Nächsten ein Rätsel, aber ganz der Gnade zugetan, die ihm einen Namen gönnte wie ihn die Großen auf Erden haben. Was er für seine Landeskirche, deren Mängel und Makel er nicht mit Ham’s Freude aufdeckte, wollte und begehrte, war innere Mission an ihr, Neugestaltung nach Gottes Gebot, Echtheit, Wahrheit und Lauterkeit, war ganz, wahr und echt. Nicht daß er ein weltabgelegenes Dorf mit einem lieblichen Kranz von Anstalten schmückte, deren edle Einfachheit mehr gibt als verheißt, war seine Größe, das haben andere vor ihm und vielleicht noch besser getan, sondern daß er alles mit dem persönlichen Gepräge eines geheiligten Geistes weihte, der fortwirkt, nachdem sein Träger bald 50 Jahre dem Erdenleid entnommen ist, das bleibt die Hoheit des Mannes, der arm viele reich machte, und alles hatte, obgleich, ja weil er nichts inne hatte.

 Nur einen von den ihm Näherstehenden – die nahe zu stehen glaubten, erwiesen das durch Nachahmung, die nicht das Abbild erhöht, sondern das Vorbild herabzieht – nennen wir als Meister der volkstümlichen Rede und darum als Schöpfer wahrhaft volksmäßiger Kalender, den alten Pfarrer von Aha, Wucherer. Ludwig Harms und ihn mag man billig vergleichen, um den einen gemeinverständlich, den andern in edler Einfachheit bedeutsam zu nennen.

 Was Wucherer schrieb, war nie platt. Wer dem Volk nach dem Mund sieht, der schreibt und spricht gebildet, denn die Denkart wie die Sprechweise der Bauern ist kurz und prägnant und gibt dem Bild in der Sprache sein Recht. Es war die ruhige Klarheit der besitzfrohen Gewißheit und die edle Natürlichkeit der kunstlosen Rede, deren Einfachheit der Beweis ihrer Wahrheit ist. Wir dozieren zu viel und geben zu wenig, unsere Volksschriften und Unterhaltungsbücher wollen alles Gute und Rechte vereinigen, dadurch aber geht die Ursprünglichkeit zu Verlust, welche nicht überredet, sondern überzeugt. Die Literatur der Inneren Mission ist reichhaltig, vielfarbig, vielgestaltig. Aber sie ist nicht populär.

 Aus den letzten Jahren aber seien noch drei Namen herausgehoben, de multis non maxima, sed eximia, Bohrer, Langheinrich und Friedrich Boeckh.

 Wiederum sind es 25 Jahre, als der Pfarrer des oberfränkischen Dorfes Himmelkron, dessen altes Zisterzienzerrinnenkloster aus dem Jahre 1280 durch Jahrhunderte gegen Verunstaltung und Versäumnis zeugte, den Gedanken faßte, von der Stätte aus, deren Verödung seine Pfarrei mit Leid und Not erfüllt hatte, das Dorf zu verneuen. Was er mit Erschließung von Arbeitsgelegenheit, mit Eröffnung der alten Räume zu Werken der Barmherzigkeit Gutes getan hat, wird eine spätere Zeit dem dankbaren Oberland bezeugen. Ein Wandersmann auf harter Straße, die er selbst noch sich erschwerte, zur Wehmut geneigt| und leicht sich zurückziehend, still in dem, was er dachte, stark bei dem, was er wollte, so hat er Wege gebrochen, die nicht leicht, aber bedeutsam sind. die Verneuung der Kirche – das ist Innere Mission – geht nicht vom Großen ins Kleine, vom Allgemeinen ins Besondere, sondern hebt bei dem Unscheinbaren als dem Reflexe des Gesamtlebens an, das durch Verneuung des Einzelnen in Rückwirkung selbst sich verjüngt. Es wäre wahrlich ein großes Ding, wenn in den Dörfern draußen altes Gemäuer vor dem Verfalle, alte Sitte und Herkommen vor der Vergessenheit bewahrt würden, indem man mit dem Gewande das Leben verneute. Große Aufgaben warten hier unser. – Neben dem schöpferischen Pfarrer auf dem Lande nennen wir den die Großstadt mit der Schlichtheit des Kleinstädters meisternden Pfarrer, den seligen Georg Bohrer, als Stadtvikar Münchens auch hier noch in gutem Gedächtnis. Mit dem Sinne des Kindes, das Hindernisse nicht kennt, wenn ihm das Ziel nur gewiß ist, mit der Unmittelbarkeit der Intuition, die ihn allerwege nicht das größte, aber das beste Wort finden ließ, verband den teure Mann die Kunst der Beschränkung, die es mit allem ernst nahm, am meisten mit dem Eigenen. Aller Nachfolge wert, keiner ganz erreichbar, war seine Kunst, frommen und fröhlichen Sinn zu wecken und zu vereinen. Seine Frömmigkeit war Freude und seine Fröhlichkeit fromm. So hat er den Nürnberger Arbeiterverein meisterlich geleitet, allen Gliedern ein Freund und doch an keinen gebunden. Mit Heller, dem feinsinnigen Pfarrer von St. Lorenz, hat er der Inneren Mission in Nürnberg behutsam und bedächtig vorgestanden und dem Landesverein in der frischen und lebensvollen Persönlichkeit Ferdinand Reindels den ersten Vereinsgeistlichen gegeben.
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 „Seine Heiligen rangiert Gott.“ Darum, so nahe es läge, vom „Größten“ der drei teuren Männer zu sprechen, wenn ich Friedrich Böckh nenne, bescheide ich mich. Achtzehn Jahre durch gute und böse Gerichte, durch ernste und frohe Tage, bald näher zur Seite, bald ferner tretend, aber in dem Notwendigen mit ihm eins, habe ich den Neubegründer des Augsburger Diakonissenhauses kennen und ehren und – lieben gelernt. Vornehm im Wesen und Wort, ein Mann der Kunst und ihr dankbar zugetan, mit der Gabe des Herrschens mehr ausgerüstet als mit der des Tragens, hat Böckh durch vierzig Jahre der Landeskirche nicht nur in der religiösen Unterweisung ihrer studierenden Jugend, der in ihm Melanchthons Meistergabe leuchtend entgegentrat, sondern durch Wort und Schrift für die Innere Mission, durch das Diakonissenwerk, das er in weiser Mäßigung förderte, unvergessene Dienste getan. Wahrlich, wo edelste Geschichte aus der Not des Tages, die wie vor Zeiten drängt und ängstigt, aus der besonderen, die neue Pflichten erweckt und erwirbt, wo sie endlich aus dem Erreichten und den großen und| teuren Namen, denen dies zu danken ist, hohe Aufgaben stellt, damit man der Väter wert sei und bleibe, da ist ein Pflichtenkreis geschaffen, in dessen Umwelt Pfunde nicht vergraben werden dürfen, sondern bewuchert werden müssen. Die Gewalt der Pflicht wird zum seligen Recht.


II.

 Denn nicht eine harte, von außen her kommende, darum unliebsam empfundene Obliegenheit, sondern ein manneswürdiges und dem Christen wohl anstehendes Recht ist ihm in dem Werke der Inneren Mission gegönnt. Mein Lohn ist, daß ich darf. So lange Pflicht als ein kategorischer Imperativ hart an die Seele tritt, ist sie nicht frei. Sobald sie den ihr genahten Willen sich aneignet und innerlich erlebt, wird sie mit ihm willens –, ja wesenseins und was ihr geboten war, gebietet sie sich, weil es ihr gegönnt ist.

 Mag dies gute Recht der Inneren Mission ihr ehedem streitig gemacht worden sein, oft weil der Name beirrte, oft auch weil sie als Fremdkörper empfunden und lieber ungetan gelassen ward, was sie hatte tun wollen, nur um von ihr frei zu sein – Staat und Kirche haben hier manches Mißverständnis verschuldet, – jetzt ist die Zeit, mögen wirs begrüßen oder beklagen, wo ihr durch treue Arbeit und gesegneten Ertrag gewährleistetes Recht anerkannt wird, auf das sie nicht pocht, als müsse sie sein, auf das sie nicht verzichtet, als dürfe sie nicht sein.

 Kraft des von Gott ihr aus Not und Sorge geschenkten Rechtes geht sie ihres Wegs, nicht eintönig und einsilbig, nicht nach Gewohnheit und ihr verordneter Schablone, aber mit dem Einen Ton lobpreisenden Bekenntnisses, daß sie da und dort noch, daß sie wohl mehr als sonst gerufen wird, und daß sie aus der Kraft, die Gott darreicht, dienen kann. Sie sucht mancherlei Klänge anzuschlagen, allerlei Rede aus einem Grundton zu führen, ändert die Stimme, aber nicht die Wahrheit, der sie dient, wandelt die Weise, aber nicht die Heeresfolge, die sie nur Einem schuldet, sucht nicht Mittel, aber gönnt sich das geliebte Recht der Jüngerschaft, die alles prüft und das Beste behält. Es wäre fürwahr übel getan, wenn die königliche Tochter des freien Herrn an eine Weise sich bände, nachdem er aus reicher Fülle mancherlei Dienst und Kraft, Gabe und Gunst gegönnt und jeder Aufgabe eine sonderliche Gabe gewidmet hat. Aus Seiner Fülle nimmt man nicht Einen Schatz, aus Seiner Weisheit nicht Einen Schlüssel, sondern Gnade um Gnade zur Bereicherung der ganzen Welt und allerlei Schlüssel zur Erschließung des Menschenherzens.

|  So sei über das Recht der inneren Mission, in Bayern zumal gesprochen. Die Zeit des Anstaltlichen naht, so scheint es, ihrem Ende. Es ist ein Notbehelf gewesen, den der Mangel, nicht der Reichtum an Mitteln schuf und hat oft mehr geschadet als gefrommt. Die schwere Not, die wir mit dem Rettungswerk an Gefährdeten und Gefallenen bezeichnen, fordert gewaltsam das Familienprinzip. Was nimmer überschaut, darum überwacht werden kann, entzieht sich der Einwirkung. Gott hat nicht umsonst als Trägerin eben dieses Werkes die Familie in ihrer Bestimmtheit und Begrenztheit eingestiftet. So habe man, damit nicht der zweite Betrug ärger werde, als der erste, den Mut der individualisierenden Behandlung. Es wird mehr Raum, mehr Kraft kosten, aber dem Einzelleben, das in der Taufe einen Anspruch auf Sonderbeachtung empfangen hat, wird mehr sein Recht. Es kann leichter gefaßt, besser beurteilt, eher zu der ihm geeigneten Arbeit beigezogen werden. Mag dem Anstaltlichen das Zeugnis der Geschichte zur Seite stehen, die Gegenwart hat auch das Recht zu ändern.

 So ist vielleicht der Schafhof bei Nürnberg für die wenigen Mädchen zu reich mit Raum und Kräften ausgestattet, aber die Folgezeit wird, so hoffen wir, erweisen, daß der Aufwand sich lohnt. Man wird an sich für die Mädchen, welche zumeist die Großstadt, in deren Fluten sie ohne Wahl und Prüfung untergingen, verstieß, das platte Land geeigneter finden, den Umgang mit der Natur und die Arbeit auf dem Felde für erziehlicher achten müssen, ohne doch daraus ein Gesetz machen zu können. Es hat die Stadt wiederum reichlichere Arbeitsgelegenheit, wo der Mensch gefehlt hat, da mag er auch zu anderem Leben sich wenden. – Es kann jede Weise gut und löblich sein, wenn nur dem einzelnen Menschen ein Maß von Beachtung wird, das ihn nicht über sich hinaus, aber von sich hinweghebt. Was ist der Mensch, daß du sein gedenkst! Denn das Wesen der Seelsorge ist Entnahme aus der Allgemeinheit. Und nicht Behütung ist ihr Ziel, sondern Festigung. Ort und Zeit schützen an sich nicht, auch das Paradies hat nicht vor dem Fall bewahrt und die Wüste nicht zu ihm geführt. So ist es auch nicht zu beklagen, daß die Rettungshäuser, die Waisenhäuser, zum Teil in Folge des Fürsorgegesetzes die einen, des Dörnberg’schen Erbes die andern weniger bevölkert werden. Es mag, da diese Anstalten auf Weite und Zahl angelegt sind, scheinbar für die nächste Zeit Schaden entstehen, der aber durch Teilung der Arbeit wieder eingebracht werden kann. In Wirklichkeit wird, wenn erst Familien zur Aufnahme der Kinder sich finden, diesen der Vorzug zu geben sein. Welch edles Recht ist es also, einen Versuch um den anderen zu machen, ob nicht neue Türen sich auftun, die Gewissen zu schärfen, daß Familien den armen Kindern gute Treue erzeigen und denen dienen, die wieder dienen sollen.

|  Wer recht individualisieren will, muß viel verstehen. Denn so wahr das Wort ist: habe Liebe und tue dann alles, was du willst und so gewiß die Kraft und Tugend der Liebe weder durch Wissen noch durch Kenntnis ersetzt wird, so gewiß verlangt sie, damit sie recht liebe, lehre und leite, allerlei Unterweisung. – Die Diakonenanstalt in Rummelsberg, die Brüderanstalt in Neuendettelsau in Ehren, jede sei ihres Weges und seiner Weise gewiß! Aber beide werden, das wissen wir dankbar, gerade am Erreichten erkennen, wie viel zu tun noch übrig bleibt. Die großen oberfränkischen Pfarreien, die stundenweit entlegene Bezirke umschließen, die Fabrikzentren nicht nur des Oberlandes bedürfen zur Unterstützung des Pfarramtes Gemeindehelfer, die es nicht verdrängen oder ersetzen wollen, sondern die ausrichten, wozu sie von ihm gesandt werden. Neue Aufgaben wachsen bei jeder Andeutung heran, denn die Ernte ist groß. Soll das gute Feld denen zum Schnitt und zur Ernte überlassen werden, die nicht auf ihm säeten noch es bestellt haben?

 Unsere beiden Diakonissenhäuser, von denen durch sechzig Jahre Ströme von Segen und Güte auf unser liebes Land ausgegangen sind, deren Tiefe nur Einer ganz ermißt, Heil und Hilfe, Sonne und Frieden in die Nähe und Ferne auszogen, haben ihr eigenes Recht, das ihnen niemand versagen soll noch verkümmern darf. Sie sind nicht aus der Innern Mission an sich herausgegangen, sondern haben ihr gedient und von ihr sich dienen lassen, haben die gesunde Einseitigkeit bewahrt, um vielseitig werden zu können und mehr die Gemeinschaft in ihrer Beharrung gepflegt, um das Eigenwesen zu bewahren. Im Reiche Gottes liebt man die Ordnung, damit das Rechte geschehe. Wer den Mut hat, sein selbst zu sein, versteht den Nächsten besser.

 Aber eben weil beide Anstalten so viel geleistet haben und leisten, daß jeder Dank an sie kaum groß genug ist, mag man fragen, ob es nicht ein gutes Recht sei, für allerlei Not Neues zu schaffen. Was bedeuten zum Beispiel für die evangelische Gemeinde München die wenigen Diakonissen trotz des edlen Vorrechtes, das Geschichte und Arbeit ihnen erworben haben und zusichern? Die Diaspora ruft, man kann ihr nicht geben, die Schule fordert, man kann sie nicht erhören. Die Kranken, rings in der Fremde verstreut, brauchen Pflege und Hilfe, man muß sie an andere Kräfte weisen. So muß die Bitte, ob nicht noch ein neues Haus entstehen solle, erneut werden. Mag es andere Formen annehmen und eine neue Weise üben, wenn nur auf altem Grunde dies Neue sich erhebt!

 Also begrüßen wir von ganzem Herzen jede Neugründung, die nicht aus äußeren Veranlassungen, sondern aus innerer Notwendigkeit geschehen will.| Doch kennen und teilen wir die Bedenken eines Sorgenvollen wider modern christliches Wesen, da immer größere, prunkhaftere Werke ins Leben treten und die kleinen Pflichten in ihrer Bedeutung unterschätzt werden. Die innere Mission hätte ihre Kraft verloren, die nicht aus der Zeit ihre Ausgabe nähme, sondern sie sich konstruierte. Sie hat nur nicht das Recht, zu verkennen, was geschehen soll, und so sehr sie es bedauern mag, eben nur von ihr geschehen kann.

 So meint die Mission nicht in jedem Dorfe Kleinkinderschulen gründen zu müssen, damit in der großen Statistik, die mehr täuscht und beruhigt, als stärkt und tröstet, eine neue Zahl eingefügt werde. Aber wo sie nach genauer Prüfung der Dinge, welche das geistliche Amt und die Gemeinde ihr ermöglichen, zur Erkenntnis von der Notwendigkeit gekommen ist, da greife sie zu und gebe Rat und Aufschluß, tue Handreichung und stelle sich in den Dienst. Es finden sich oft Kräfte mitten in der Gemeinde, die nur der Anregung bedürfen, um ihre Tätigkeit zu beginnen. Denn ehe die Nächststehenden nicht zu ihrem Recht gekommen sind, sollen Fernstehende nicht eintreten.

 Wichtiger noch sind für unsere Fabrikstädte die Kinderhorte, in denen die schulfreie Zeit zugebracht werden kann. Auch hier wird das Recht aus Einfachheit und Gründlichkeit Arbeitsteilung erfordern. Wenn in größeren Städten da und dort solche Horte erstehen, so ist das mehr wert, als wenn ein großer gegründet wird, der vielleicht Mengen faßen könnte, die doch nicht kommen. Wer recht dienen will, läßt sich vom Bedürfnis bestimmen, das nicht von uns bestimmt werden kann.

 Die Schulgärten mit der Freude am Eigenbesitz und der noch größeren an den Geheimnissen der Natur, die dem Stadtkind so leicht und lange verborgen bleiben, sind hoch zu begrüßen. Wenn solch ein Gedanke Wurzel schlägt, da hat, auch wenn, ja weil er neu ist, die innere Mission das Recht, ihn zu fördern. Man muß ihr dann trauen, auch wenn sie neue Wege betritt. Denn auf großes reiches Vertrauen, das nicht marktet und feilscht und statt der Kräfte Kritik darbietet, hat eine Arbeit Anspruch, die so viel geleistet hat und noch mehr hat leisten wollen, während sie unter dem Mißtrauen krankt und das Vertrauen zu sich selbst verliert.

 Es sind neue Gedanken da und dort erwacht, wie man der heranwachsenden Jugend diensam sich annehmen könne; da muß es das gute Recht sein, sie auf ihre Bedeutung zu prüfen und zu verwerten, wenn sie gut sind. Denn mit neuen Zeiten erwachen andere Bedürfnisse.

 Anderseits muß es der Innern Mission überlassen bleiben, auf alte Einrichtungen zurückzugreifen und bei ihnen zu beharren. denn es ist Gefahr, daß manche bewährte und viel bedankte Arbeit hinter der neuen zurücktreten muß, sich zum Schaden und dieser nicht zum Gewinn. Es sei an| die Bedeutung der Volksbüchereien erinnert, aus denen die guten, trefflichen Bücher nach und nach verschwinden, wie sie selbst nimmer so benützt werden, als es vordem geschah. Es wird wohl mehr gelesen, aber weniger wäre mehr. Wir meinen, es sei die Beschränkung auch eine Tugend, weil und sofern sie nicht Lässigkeit ist. Es sind die schnell emporwachsenden Gemeindeblätter noch nicht an sich ein gutes Zeichen. Sie wollen redigiert und gut gehalten sein, sollen belehren und erbauen und nicht nur von einander zu leihen nehmen. Wie viel ein bescheidenes Blatt, wenn es klar und bestimmt und mit Salz geschrieben ist und nicht allen gefallen will, nützen kann, ist unvergessen.

 Die alten Lehrlingsvereinigungen sind auch zurückgetreten. Und doch liegen hier Fragen von höchster Bedeutung: der Handwerkerstand der Zukunft, das Rückgrat für manche Bestrebung zum Schutz des Handwerks, des guten Brauchs ruht in ihnen. In den großen Städten – fast ist zu fürchten, daß die Stunde zu spät sei – sollte jede Pfarrei ihrer Lehrlinge sich annehmen, für gute, gesunde Unterhaltung sorgen, Belehrung und Erbauung nicht versäumen. Es sind wohl noch die alten Gesetze und Ordnungen vorhanden, aber Geist und Kraft ist ihnen oft entwichen. Da wird unsere Mission das Recht haben, auf den alten ehrwürdigen Brauch zurückzugehen, daß Meister und Gesellen selbst des Nachwuchses sich annehmen und tüchtige Leute so herangezogen werden.

 Die Arbeitervereine sind ein anderes Ding geworden, gerade seitdem die soziale Frage an sie herantrat. Und doch waren die alten und schlicht organisierten von starker Kraft gewesen, haben den Stürmen des Revolutionsjahres getrotzt, Lehren aus ihm genommen und zur rechten Erziehung verwertet. Ist nicht jetzt zu viel Unterhaltung, zu wenig wahre Erziehung, gegenseitige und innere, in all diesen Vereinen? Was will in unseren Großstädten ein Arbeiter-, ein Handwerkerverein bedeuten, der etwa so viele Mitglieder zählt als in den Tagen seiner Gründung vor siebzig oder sechzig Jahren? Es ist dann eine ehrwürdige Einrichtung, bei der man noch froh sein muß, wenn er alte Überlieferungen in Treue bewahrt, nicht aber er warten kann, daß er zur Lösung beweglicher Fragen und zur Erhaltung eines christlichen Arbeiterstandes beiträgt. Die ihn bräuchten, finden ihn nimmer und die ihn aufsuchen, können für sich seiner entraten.

 Wie muß unsere Kirche um Vormünder für ihre Verwaisten bitten! Wie wenige unterziehen sich einer Mühe, die zwar saure Gänge kostet und wenig Dank erwirbt, aber in konfessioneller Erziehung Wesentliches leistet! Es wäre verhängnisvoll, wenn um neuer Pläne willen die Arbeit an solchen alten Aufgaben unterbliebe! –

|  Von den Herbergen zur Heimat, die jede Berücksichtigung verdienen und bedürfen, wird gesagt werden müssen, daß sie ihr Tagwerk nicht ausdehnen, sondern einschränken.

 So wird es das Recht der Inneren Mission sein, einmal der alten Werke treulich sich anzunehmen, zum anderen neue Aufgaben zu erkennen, aber auch abzulehnen, was man unbillig gerade von ihr fordert. In den letzten dreißig Jahren, etwa seit Anstellung der ersten Vereinsgeistlichen zu München und Nürnberg, sind die Ansprüche gewachsen, ohne daß die Kräfte werktätiger und finanzieller Art wesentlich gestiegen wären. Man zahlt den bescheiden bemessenen Jahresbeitrag, der freilich bei den vielen Verpflichtungen oft nicht leicht fällt und glaubt, so einer christlichen Anstandspflicht genügt zu haben. Aber nicht die kalte Münze, sondern die warme Hand ist wert. Es stehen allermeist bei den christlichen Werken dieselben Namen im Vordergrunde, deren Träger fast überlastet sind. Hier ist es nicht Anspruch, sondern ein gutes Recht, wenn die Innere Mission an die Einzelperson sich wendet. Helfe ein jeder mit, daß nicht nur von wenigen geschehe, was Gemeinpflicht ist. Wir reden so gerne vom allgemeinen Priestertum und seinem guten Recht. Niemand aber wird über dessen Betätigung mehr sich freuen als das Werk der Liebe, das nach Arbeitern aussieht. Nicht Ausrufe, die kaum gelesen werden, sondern persönliche Besuche, die den Einzelnen an seine Pflicht erinnern, die um Zeit werben, solange noch Zeit ist, müssen den Dienern und Pflegern der Liebestätigkeit verstattet sein. Aus solchen persönlichen Beziehungen und Berührungen, die Frage und Antwort, Einwendung und Belehrung ermöglichen, erwachsen segensvolle Beziehungen der einzelnen Berufsarten und Stände zueinander, dadurch wird auch die Kluft verengert, die zwischen Besitzenden und Darbenden sich auftut, daß keines des anderen Sprache mehr versteht. Wie wichtig ist es, unsere Gebildeten für alle die Fragen nicht nur flüchtig zu interessieren, etwa in monatlichen Sitzungen eines Komitees, sondern durch Heranziehung zur Arbeit!

 Man soll es darum auch nicht anspruchsvoll heißen, wenn der eine und andere Mensch, der über das große Kapital von freier Zeit fast uneingeschränkt verfügt, direkt angegangen wird, dem unbenutzten Gute Ertrag abzugewinnen, es zu bewuchern und zu bestellen. Vor siebzig Jahren hat man in manchen Städten den Versuch mit der freiwilligen Armenpflege gemacht, es waren im Feuer der ersten Liebe lichte Versuche, die freilich nicht weit über verheißungsreiche Anfänge hinausreichten. An diese Anfänge anzuknüpfen wird sich empfehlen, große Bezirke in übersehbare zu teilen, den einen den Besuch der Armen, den andern die Beratung der Hilfsbedürftigen, Frauen die Einsichtnahme in das Ergehen der Kinder zu übertragen und| alles Nötige und Mögliche zu versuchen, daß in dem Bezirk der Häuslichkeit, in den Schranken der Familie, die man dadurch eben sich selbst zurückgeben kann, Größtes geschehe, ehe man an die anstaltliche Versorgung denkt, die nur Notbehelf sein darf.

 Wir leben im Zeitalter des Persönlichen, dessen Pflege viel mehr Zeit kostet, aber auch reicher sich lohnt. Und gerade in Bayern, wo die Verhältnisse nicht in eiliger Folge, sondern in stetiger Entwicklung sich verschieben, kann durch Arbeit von Person zu Person noch viel gewonnen werden. Darum werde das Recht, welches die Not gibt, ausgenützt und der Einzelne zum Dienst geworben.

 Wo aber Anstalten errichtet werden müssen, weil eben kein anderes Hilfsmittel mehr ausreicht, da soll das Recht aus Einfachheit und Schlichtheit nicht vergessen werden. Die Anstalt darf weder die Erinnerung an frühere Not verdrängen noch die Kraft, spätere zu ertragen, verringern. Es ist nicht gut, wenn Werke, die der christlichen Freigibigkeit ihre Existenz verdanken, über die ihnen gezogenen Bedingungen hinausgehen und Ansprüche vermitteln, die das spätere Leben kaum erfüllt. Edle Einfachheit drückt nicht, aber erzieht. – Staatliche bauten verfolgen noch andere Zwecke, wollen vorbildlich schaffen und belehren. – Aber lieber entstehen etliche Sammelorte und Werke, die der Not dienen in stiller Einfalt, ehe eines in Pracht seine Herkunft vergessen läßt.

 So wird aus dem edlen Rechte der Jüngerschaft, die immer lernt, auch in Bayern manche neue Frage erhoben, manche alte von neuem untersucht werden müssen.

 Wir denken noch an die Schreibstube, die so manche verunglückte Existenz, welche von dem unbarmherzigen Wettkampf der Kräfte bei Seite geschleudert wurde, beschäftigt und zu neuer Arbeit befähigt, ihr wenigstens das schwerste Gefühl, unnütz zu sein, nimmt, erinnern uns an die großen Arbeiten, welche der sel. D. v. Bodelschwingh durch Gründung von Werkstätten, in denen Abfälle und wertloses Zeug verarbeitet wurde, weithin eröffnete. Unübersehbar ist das Meer des Elends unserer Tage: es abzuleiten ist unmöglich, es einzudämmen nur ein Teil der Hilfe. Aber Werke zur Rettung der Schiffbrüchigen, in denen sie leben und arbeiten und lernen können, müssen sich erheben.

 Letzter Grund all dieser Arbeit ist das Gebot der Liebe, ein kurzes Gebot und ein langes Gebot, ein leichtes Gebot und ein schweres Gebot, kein Gebot und doch alle Gebote! Des Bruders Hüter zu sein ist nicht lästige Pflicht, sondern gottgeschenktes Recht. Ihm wieder die Sonne in Herz und aufs Angesicht fallen zu lassen ist das Recht derer, denen diese Sonne das| Herz gewonnen hat. Denn das Ziel der Inneren Mission bleibt doch, daß die Ehre Gottes aller Welt offenbar werde und sie in ihm froh sein könne.

 Leibliche Not wenden ist nur eine Hilfsarbeit für die größere, daß dem tiefsten Verlangen der Menschenseele Genüge geschehe, die Leben will, um nicht an sich zu vergehen. Pflege der Seele, daß sie nicht an Enttäuschung sterbe, während sie zum Leben und das Leben für sie bestimmt ist, will in vertrauensvoller Anlehnung an das geordnete Amt die Innere Mission sich angelegen sein lassen, jederzeit bemüht, auf innersten Grund und letzten Zweck ihre Arbeit zu prüfen, damit sie nicht in Vielgeschäftigkeit gerate und der Phrase verfalle, die mehr verbirgt als gewährt, jederzeit auch willig, zurückzutreten, wo und weil man sie nicht mehr braucht.

 Freilich, die Zeit scheint ferner als je. Denn die Nöte wachsen und die Arbeit mit ihnen.

 In wenigen Jahren wird Bayern manche patriarchalische Einrichtungen hinfallen sehen müssen und die Landeskirche ihre Innere Mission, der sie so viel und gerne sich verpflichtet weiß, zu neuen Anstrengungen aufrufen.

 Die Kirchenleitung hat in einem Erlasse vom Spätherbst 1849 zum erstenmale den Werken und Bestrebungen der Inneren Mission ihre Teilnahme zugewendet und durch bald siebenzig Jahre ihr die Treue gehalten. Sie wird fernerhin, was sie tun kann, aufbieten, um der Freiwilligkeit, die sie nicht bestimmen, der sie aber zustimmen will, ihre Liebe zu erweisen, sie wird den Berufsarbeitern den Weg bahnen und, wo es sein kann, persönliche Kräfte darbieten, wird raten und mahnen, bitten und werben, um mit dem geistlichen Amte und der Gemeinde in edlem Wetteifer der Not Abhilfe zu tun.

 Treu im Bekenntnisse zu dem größten aller Diener, der mit seiner heiligen Person unserer Unheiligkeit sich angenommen hat, unbeweglich auf dem einen und ewigen Grunde, von dem aus alle Fragen zwar nicht restlos gelöst, aber allein richtig gewürdigt werden können, will sie der hohen Freude Gehilfin sein, die das Verlorene sucht und das Gesuchte findet.

 Adolf Kahl hat jenen Vortrag vom 18. September 1890 mit einer Vision geschlossen, halb in feinem Scherze, daß am 18. September 1891 eine Oberkonsistorial-Entschließung ergehen werde, welche alle seine Desiderien würdigen und soweit angängig, erfüllen werde.

 Mit einer weit über behördliche Maßnahmen und ihrer immerhin nur relativen Wirksamkeit, auch über alle christliche Dienstbereitschaft gehenden Zusage möchte ich schließen: Mache dich auf, werde Licht, denn Dein Licht kommt!

|  Nicht trübe Hoffnungslosigkeit, die dem verblassenden Abendrot des sinkenden Tages schmerzbewegt nachsieht, sondern der Wegfertigkeit, die der aufsteigenden Morgenröte eines ewigen Tages entgegengeht, kommt der zu Hilfe, der sich das Licht der Welt, ihr wahres und stetiges Leben genannt hat.

 Der Verzagtheit gilt keine Verheißung, aber dem Mute die höchste. Denn Tatenlosigkeit ist nicht Ergebung und Passivität nicht Frömmigkeit.

 Wer aber sich aufmacht trotz der drohenden Nacht, der zeigt, daß sie nicht bleiben darf, dem wird der Weg durchs finstere Leben licht, weil auf diesen Weg ein unvergängliches Licht fällt.

 Gott segne die Innere Mission und alle ihre Arbeit und Arbeiter. Sie hat eine kleine Kraft, aber in der Treue eine große Verheißung. –


Ich säe hier auf Hoffnung edlen Samen,
Streu’ güldnes Korn in Menschenherzen aus,
Ich walle oft zu meiner Saat hinaus
Und pflege sie in meines Königs Namen, –
In meinem nicht – bis zu der Ernte Zeit
Ich übergeh’ zur vollen Seligkeit.