Seite:Herzl Philosophische Erzaehlungen.djvu/17

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„Solon, ich verstehe Dich nicht!“ stöhnte Aesop. „Du willst den größten Wohlthäter des menschlichen Geschlechtes hinrichten lassen?“

„Ich würde es mir keinen Augenblick überlegen“, erklärte Solon.

„Aber ich!“ rief Kroisos. „Ich bin zwar empört über den Burschen, der es wagt, die Hand nach meiner Tochter auszustrecken – aber ihn tödten? Ich denke nicht daran.“

Solon erwiderte hierauf mit kaltem Zorn: „Dann bist Du nicht werth, ein König zu sein!“

Aesop erschrak und wollte sich begütigend einmischen, aber Kroisos lächelte:

„Ich bin König genug, um die harten Worte eines Mannes zu ertragen. Führe Deinen Gedanken aus, mein theurer Solon!“

„Mein Gedanke, Kroisos, ist einfach wie immer, einfach wie der Eure. Der Unterschied ist nur im Zeitmaß. Darum hatten meine Athener, glaube ich, Recht, als sie mir die Gesetze zu machen gaben. Ihr meßt den Vortheil einer Sache an Stunden, Wochen oder an Jahren, wo ich mir Aeonen durch die Finger gleiten lasse. … Dieser junge Mensch ist eine der größten Gefahren, die jemals auf die Erde gekommen sind. Ich will nicht in der Sprache der Kinder und Frommen zu Euch reden, sonst würde ich über den Verwegenen klagen, der in das Schicksal der unsterblichen Götter eingreift und Persephone nicht mehr in die Unterwelt entsteigen läßt. Wir sind Männer, die hinter die Schleier geblickt haben. Wir wissen, was hinter dem Hierophantenthum[1] von Eleusis steckt. Das Feld bringt Früchte, nicht weil Demeter will, sondern weil es mit dem Schweiße des Arbeiters getränkt wird. Und dieser Bursche


  1. [Hierophant - Priester; zum Mysterienkult von Eleusis siehe Wikipedia: Eleusis]
Empfohlene Zitierweise:
Theodor Herzl: Philosophische Erzählungen. Gebrüder Paetel, Berlin 1900, Seite 12. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Herzl_Philosophische_Erzaehlungen.djvu/17&oldid=3329582 (Version vom 1.8.2018)