Seite:Herzl Philosophische Erzaehlungen.djvu/18

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will das ändern. Sorglos will er die Menschen machen, dieser Verruchte. Das Beste, was sie haben, den Hunger, will er ihnen rauben. Was dann? Sollen die rohen Zeiten der Pelasger wiederkehren, soll mit dem Ackerbau die Seßhaftigkeit, der bürgerliche Sinn, die Gesittung abermals entschwinden? … König der Lyder, tödte ihn, wenn Du ein König bist[1]!“

„Solon, Du zermalmst mich!“ ächzte Kroisos.

„Ein König muß tödten können“, fuhr Solon erbarmungslos fort. „Aber nicht nur die Schlechten, die Missethäter, denn das wäre gar leicht und angenehm. Auch die Guten muß er vertilgen, wenn es die Wohlfahrt des Volkes heischt. Darum ist kein Irdischer über Dir, damit Du auch Solches vollbringen könnest. Das ist die verschwiegene Rechtfertigung Deiner Macht. Dieser Fabeldichter da findet mich wahrscheinlich herzlos. Sei es drum. Du kannst mich auch in Deinen Gedichten als ein reißendes Thier schildern, Aesop! Du verdienst es, volksthümlich zu sein. Ich aber sage Euch, daß es keine größere That in unserer Zeit zu begehen gibt, als die Vernichtung dieses sonnigen Jünglings, den ich vom ersten Augenblick an in mein Herz geschlossen habe. Ich werde um ihn weinen, wenn er stirbt; aber ich müßte stärker weinen, wenn er am Leben bliebe. Wenn wir ihn ermorden, haben wir uns um Hellas und die Welt verdient gemacht und werden den Lohn in unserem Bewußtsein tragen. Es wird eine stumme Großthat sein, eine jener hohen, dem Verständnisse des gemeinen Mannes entrückten, die kein Geschichtsschreiber meldet und kein Homer besingt.“

„Gemach!“ sagte der König, bewegt. „Noch ist es nicht beschlossen.“

„Allen Himmlischen sei Dank!“ stieß Aesop erleichtert


  1. [korrigiert, im Druck: „ist“]
Empfohlene Zitierweise:
Theodor Herzl: Philosophische Erzählungen. Gebrüder Paetel, Berlin 1900, Seite 13. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Herzl_Philosophische_Erzaehlungen.djvu/18&oldid=3329593 (Version vom 1.8.2018)