Seite:Herzl Philosophische Erzaehlungen.djvu/212

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das nicht auf unfruchtbaren Boden. Im Zuschauerraume saßen geistreiche und geschmackvolle Leute genug, die jede dieser feinen Anspielungen aus dem Dialog herausfanden und bejubelten. Das Stück war übrigens – ein sinniger Einfall! – dasselbe, in welchem Herr Schaumschlager vor einem Vierteljahrhundert diese herzogliche Bühne betreten hatte. Und dieselben Liebesworte, mit denen er damals manches zärtliche Herz im Publicum entflammt hatte, ganz dieselben entflohen auch heute dem nicht mehr so dichten Gehege seiner Zähne. Nur seine Partnerin in diesem anmuthsvollen Liebesgetändel war nicht mehr die von einst. Die Angebetete vom Tage (im Stück) war die unübertreffliche Lanz-Birkenstein – auch kein Kind mehr – die es verstanden hatte, sich durch einen rechtzeitigen Vertrag die lebenslängliche Naivität zu sichern … Von den Blumenspenden, welche Herrn Schaumschlager an diesem Abend zu Theil wurden, könnte nur ein gewiegter Botaniker angemessen berichten. Der große Künstler stand in einem Lorbeerwald, der zugleich Palmengarten und Rosenhain war, und Hunderte von ausgestopften Tauben umflatterten ihn an blauen und rosigen Seidenbändern … Nach dem letzten Act wurde Schaumschlager oft und oft gerufen. Sein bisher so beredter Mund brachte aber nichts hervor, als die in ihrer kunstvollen Schlichtheit unendlich ergreifenden Worte: „Ich bin sehr glücklich!“ … Nachher fanden jedoch auf der Bühne die verschiedenen feierlichen Ansprachen statt, und da erlangte er seine Wortgewandtheit wieder. Zunächst pries der Intendant Herrn Schaumschlager, hierauf trat der Direktor vor und that dasselbe, dann drückte im Namen der Kollegen Herr Eberling los. Herrn Eberling’s Rede war die bemerkenswertheste, weil er Schaumschlager’s präsumtiver Nachfolger war – sozusagen der Kronprinz, der zweite erste

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Theodor Herzl: Philosophische Erzählungen. Gebrüder Paetel, Berlin 1900, Seite 207. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Herzl_Philosophische_Erzaehlungen.djvu/212&oldid=3329630 (Version vom 1.8.2018)