Seite:Herzl Philosophische Erzaehlungen.djvu/62

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Stadt in die Vorstadt gekommen. Er hielt plötzlich an und zwang mich dadurch auch stehen zu bleiben.

„Sakkerment!“ rief er, „das ist ja die Gegend!“ …

„Welche Gegend, Spangelberg?“

„Der Ort, wo Spangelbergs letzte Liebe begann.“

„Ah, ah! Ein Roman?“

„Jawohl. Den ich noch keiner menschlichen Seele mitgetheilt habe. Ich werde aber doch endlich anfangen müssen, ihn in mein Repertoire aufzunehmen. Es sind da ohnehin einige Nummern, die nicht mehr so recht ziehen wollen. Sie müssen wissen, ich erzähle Alles. Das aber habe ich noch nie erzählt.“

„Weil Sie es sich erst jetzt aus dem Daumen saugen?“

„Sie kennen mich bloß zur Hälfte, lieber Freund! Ich lüge nie, wenn ich keinen Vortheil darin sehe … Nein, ich schwieg von der Sache, weil sie tief gegangen ist, tief. … Ja, wie lang ist es denn schon her? … Vor fünf Jahren reiste ich mit der Sängerin Laury … Es war früher. Den Geiger Mendoza managete ich auch erst nach dieser Geschichte. Vor neun oder zehn Jahren mag es gewesen sein …“

„Sie waren noch ein Knabe.“

„Fast. Ich zählte noch nicht vierzig Spargelzeiten oder Lenze … Unterbrechen Sie mich nicht. Ich muß mich sammeln … Wie gesagt, die Erzählung steht nicht so fest, wie meine anderen. Sie genießen die Primeur … Sehen Sie, das ist die Gegend. Durch diese leblosen Gassen ging ich vor neun oder zehn Jahren, auch in einer solchen Sommernacht, mit dem Maler Mäusel. Sie wissen, der Mäusel, der sich nachher im Irrsinn erhenkte. Er hatte die fixe Idee, farbenblind zu sein, weil er die glure Farbe nicht sehe,

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Theodor Herzl: Philosophische Erzählungen. Gebrüder Paetel, Berlin 1900, Seite 57. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Herzl_Philosophische_Erzaehlungen.djvu/62&oldid=3329712 (Version vom 1.8.2018)