Seite:Herzl Philosophische Erzaehlungen.djvu/96

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tauschten nach wie vor ihre sämmtlichen Gedanken aus, die freilich immer mehr in Ziffern ausgedrückt waren. Es galt als ausgemacht, daß sie sich im geeigneten Zeitpunkte zusammen etabliren würden. Ueber die kommende Firma stritt man ein wenig. Martin war in seiner gemessenen Art für etwas Gewöhnliches und Unauffälliges. Beispielsweise: „Kilchberg & Comp.“ Der Andere aber wünschte ein originelles Schild, wie „Kilchberg und Kilchberg“, oder vielleicht „Kilchberg und Vetter“. Gegen diesen letzteren Gedanken sprach sich Martin mit Heftigkeit aus, denn er witterte dahinter Kilchbergs Präpotenz; er, Martin, sollte wohl als Anhängsel, als stillerer Gesellschafter mitgeschleppt werden. Bei „Kilchberg und Kilchberg“ blieb es wenigstens in der Schwebe, wer der Erste war. Bei „Kilchberg und Vetter“ waren Zweifel möglich. Ueberhaupt hatte Kilchberg durch sein sicheres Auftreten in der Gesellschaft die Leute schon daran gewöhnt, daß man ihn, Martin, nur als den Herrn Martin oder Vetter Martin, oder gar nur als „den Vetter“ kannte. Als ob er keinen eigenen Werth gehabt hätte und nur der Mond des leuchtenderen Kilchberg gewesen wäre. Aus den Gesellschaften und Weibern machte sich Martin nicht viel, obwohl er auch wie Kilchberg ans Heirathen dachte. Es kränkte ihn nicht übermäßig, wenn er auf Hausbällen und Picknicks nur der Vetter Martin war, es klang sogar gemüthlicher. Aber im Geschäftsleben, nein! Da war er selbst Herr Kilchberg, mindestens so sehr wie der Andere, und da er einen solideren Zug als der Andere hatte, war es nicht ausgeschlossen, daß mit der Zeit in der Firma „Kilchberg & Comp.“ Martin als der eigentliche Kilchberg gelten würde.

So standen die Dinge, als Kilchberg auf einem Tanzkränzchen die Tochter eines wohlhabenden Eisenfabrikanten kennen und das Geschäft ihres Vaters lieben lernte. Kilchberg

Empfohlene Zitierweise:
Theodor Herzl: Philosophische Erzählungen. Gebrüder Paetel, Berlin 1900, Seite 91. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Herzl_Philosophische_Erzaehlungen.djvu/96&oldid=3329749 (Version vom 1.8.2018)