Seite:Herzl Philosophische Erzaehlungen.djvu/97

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wußte es so einzurichten, daß man ihn einlud, ins Haus zu kommen. Kilchberg war kein schöner Mann, aber er trug immer herrliche Krawatten, so daß die holde Jungfrau sich in aller Stille ausrechnete, er würde auch ihr an der Toilette nichts absparen. Dann stellte sie sich vor, wie es wäre, wenn man sie Frau Kilchberg nennte. Auf diese Art verliebte sie sich in ihn. Ihr Vater wollte jedoch den jungen Mann vorher „auskosten“, wie er sagte. Kilchberg müsse sich selbständig zeigen, und zu diesem Behufe vertraute er ihm eine Niederlage[WS 1] seiner industriellen Erzeugnisse an; zuerst das Eisen von seinem Eisen, bevor an das Fleisch von seinem Fleisch gedacht werden konnte.

Kilchberg war großmüthig genug, seinen Vetter in den eisernen Theil der Combination mit einbeziehen zu wollen. Es spielte dabei allerdings auch die Erwägung mit, daß der Vetter durch seine Tüchtigkeit dem Geschäfte den inneren Halt geben würde und er, der größere Kilchberg, frei bliebe für die Repräsentation nach Außen und den Aufflug zu Unternehmungen. Der bornirte Vetter erhob aber Schwierigkeiten. Martin empfand es ohnehin als eine Demüthigung des Schicksals, daß ihm noch keine wohlhabende Jungfrau gelächelt hatte. Nun sollte er in die Firma „Kilchberg und Vetter“ als zweiter Mann, als Vetter für Lebenszeit eintreten. Dagegen bäumte sich sein Stolz auf. Zugeständnisse wollte Kilchberg in dieser Frage nicht machen. Wem gehörte das eiserne Mädchen, auf das die Niederlage sozusagen gegründet wurde? Ihm! Nun also. Von einer vollkommenen Gleichberechtigung konnte doch unter diesen Umständen nicht mehr die Rede sein. Es geht im Leben nicht anders. Der Eine ist mehr und hat mehr, als der Andere. Darin muß man sich finden und in eine so vetterlich, ja brüderlich hingehaltene Hand einschlagen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. „Niederlage“ bedeutet hier Verkaufsniederlassung
Empfohlene Zitierweise:
Theodor Herzl: Philosophische Erzählungen. Gebrüder Paetel, Berlin 1900, Seite 92. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Herzl_Philosophische_Erzaehlungen.djvu/97&oldid=3329750 (Version vom 1.8.2018)