Seite:Herzl Philosophische Erzaehlungen.djvu/99

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Zerknirschung des Andern. Keiner machte den ersten Schritt. Kilchberg nicht, weil es ihm besser ging; sein Vetter nicht, weil es ihm schlechter ging. Kilchberg richtete sich ein und nahm, was Martin als Provokation, als unverzeihbare Bosheit ansah, einfach die Firma „Kilchberg“ an. Kilchberg kurzweg, als ob es keinen zweiten Menschen dieses Namens gäbe. Und so war es auch in der Stadt. Man kannte nur noch einen Kilchberg. Gerade das, was Martin hatte vermeiden wollen, trat ein. Wer ihn überhaupt beachtete, sprach von ihm nur als dem Vetter des einzigen, des wirklichen Kilchberg. Und während dieser scheinbar mit raschen Schritten aufstieg, hoch lebte und seine eiserne Braut heimführte, mußte Martin sich kümmerlich durchfristen. So sah es wenigstens aus, weil er keine Lustbarkeit mitmachte, sich von Allem zurückzog und in ärmlichen Kleidern einherging.

Indessen kam auch der Vetter heimlich vorwärts. Jahr um Jahr legte er sich von seinem wachsenden Gehalte größere Ersparnisse zurück. Er hatte seinen festen Gedanken, den er um jeden Preis ausführen wollte. Rache wollte er nehmen. An wem, wofür? An Kilchberg, für dessen unverdientes, demüthigendes Glück, für alle Kränkungen und Beschämungen, die nach und nach aus dem Unterschiede der Verhältnisse hervorgequollen waren. Denn kein Haß ist so inbrünstig, wie der von ärmeren Verwandten, selbst wenn man sie nicht durch Wohlthaten aufs äußerste gereizt hat.

Fünf Jährchen mochten so vergangen sein, seit die Zwillingsvettern sich mit einander überworfen hatten. Da war Martin endlich mit seinen Spar- und Kriegsvorbereitungen fertig. Er stellte sich als Concurrent seines Vetters auf und führte den Geschäftsnamen Martin Kilchberg auf dem Schilde. Martin unterstrichen, Martin überall nachdrücklich hervorgehoben, gleichsam als stille

Empfohlene Zitierweise:
Theodor Herzl: Philosophische Erzählungen. Gebrüder Paetel, Berlin 1900, Seite 94. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Herzl_Philosophische_Erzaehlungen.djvu/99&oldid=3329752 (Version vom 1.8.2018)