Seite:Lieder und Balladenbuch-Strodtmann-1862.djvu/60

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ich mich ausdrückte, ihren natürlichen Abschluss erreicht, und bis hieher sind die Grenzen des Wirklichen nicht überschritten.

Allein bei Stoffen, die mit noch so großer Geschicklichkeit oder mit noch so lebhaftem Aufputz an Handlung in dieser Weise behandelt werden, bleibt immer eine gewisse Härte oder Nacktheit zurück, die das künstlerische Auge verletzt. Zwei Dinge sind unumgänglich nothwendig: – erstens ein gewisser Grad allgemeiner Anwendbarkeit; und zweitens ein gewisser Inhalt zwischen den Zeilen, – ein, wenn auch noch so unbestimmter, Unterstrom tieferer Bedeutung. Besonders der Letztere verleiht einem Kunstwerke so viel von jener prächtigen Fülle, die wir nur allzugern mit dem Idealen verwechseln. Es ist das Übermaß der geheimen, zwischen den Zeilen auszusprechenden Bedeutung – es ist die Verkehrtheit, diese zur augenfälligen Hauptsache, statt zum verborgenen Unterstrom des Gedichtes zu machen – was die sogenannte Poesie der sogenannten transcendentalen Dichter in Prosa (und obendrein von der plattesten Art) verwandelt.

Diese Ansicht festhaltend, fügte ich dem Gedichte die beiden Schlussstrophen hinzu, – welche so der ganzen vorausgehenden Erzählung einen tieferen Sinn geben. Der geheime Unterstrom der Gedanken wird erst erkennbar in den Zeilen:

„Fort! und reiß aus meinem Herzen deines Schnabels scharfen Speer!“ –
 Sprach der Rabe: „Nimmermehr!“

Man wird bemerken, dass die Worte: „aus meinem Herzen“ den ersten metaphorischen Ausdruck in dem Gedicht enthalten. Sie machen, in Verbindung mit der Antwort: „Nimmermehr,“ die Seele geneigt, einen tieferen Sinn in Allem zu suchen, was vorher erzählt worden ist. Der Leser fängt jetzt an, den Raben als symbolisch anzusehn – allein erst in der allerletzten Zeile der allerletzten Strophe tritt die