Seite:Loos Sämtliche Schriften.pdf/429

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ein, sie hätten ein eigenes haus. Das wertgefühl des menschen wird dadurch gehoben. So erst verstehen wir, warum sich der engländer und der amerikaner vor dem abendessen umziehen. Sie können sich einfach nicht umziehen, wenn sie nicht die verschiedenen stockwerke besitzen. Wenn ich im hotel eines kurortes einquartiert bin, dann ziehe ich mich ganz leicht zum abendessen um, weil ich im zweiten, dritten oder vierten stock wohne. Ich warte, bis der gong ertönt, oder ich halte mich in der halle auf, bis zum essen gerufen wird. Das ist eine große erleichterung für das umkleiden. Aber in einer wohnung, in der das speisezimmer mit flügeltüren in das schlafzimmer geht, kann man nicht das gefühl haben, sich umkleiden zu müssen. Es ist ganz gut zu verstehen, wenn ein engländer, der in Zentralafrika reist, sich um sechs uhr abends den smoking anzieht und darin zu tische setzt. Ich habe einmal von einem baumeister, der in Australien zu tun hatte, gehört, daß er in der wildnis von familien eingeladen wurde und sehr erschrocken war, als die herren des abends im smoking und die damen in balltoilette erschienen. Man sagte ihm: das müssen wir machen, das ist das einzige, was uns hier noch mit der kultur verbindet. Es war einfach das bedürfnis dieser leute, dadurch zum ausdruck zu bringen, daß sie zu den gebildeten menschen gehören. Ich halte es für sehr wichtig, daß auch der arbeiter sich für das abendessen umzieht, besonders der manuell arbeitende braucht die physische wirkung des umziehens, weit mehr, als der mann, der im büro sitzt. Der wird sich die hände waschen und das wird genügen. Der siedler, der den ganzen tag über in holzschuhen im garten umhergeht, wird die schuhe wechseln, wenn er das haus verläßt, und in dem augenblick,

Empfohlene Zitierweise:
Adolf Loos: Adolf Loos – Sämtliche Schriften. Herold, Wien, München 1962, Seite 427. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loos_S%C3%A4mtliche_Schriften.pdf/429&oldid=- (Version vom 1.8.2018)