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111. Herr Gêverdes.

1450. Um diese Zeit hat sich zu Lübeck eine wunderbarliche, denkwürdige Historia zugetragen, wie seine alte glaubwürdige Bürger erzählen, die von ihren auch glaubwürdigen ehrlichen Eltern gleichergestalt und so berichtet worden:

Wie Herr Geverdes bei dem richterlichen Amt gewesen, soll in seinem Hause auf dem Klingberge einmal eine Kagel (Haube) mit Perlen bestickt verloren sein. Da nun eben zu der Zeit ein Handwerksmann, des Herrn Gevatter, in dem Hause gearbeitet, ist dieser des Diebstahls bezichtigt und darauf eingezogen worden; hat nachher auch in der Pein bekannt, daß er’s gethan; jedoch zum höchsten für sein Leben gebeten, weil er ja noch des Herrn Richters Gevatter wäre. Aber der Richter hat ihn mit rauhen, harten Worten angefahren: daß er henken solle, und wenn er auch noch einmal sein Gevatter wäre.

Da ihm nun sein Urthel gesprochen, und er wieder vom Gerichte gehen sollen, hat er zum Richter also gesagt: „Herr Gevatter, weil ich ja sterben soll und muß, so fordere ich Euch, binnen 30 Tagen hienach, vor das strenge Gericht Gottes; da sollt Ihr mir Rechenschaft

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Ernst Deecke: Lübische Geschichten und Sagen. Carl Boldemann, Lübeck 1852, Seite 214. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Luebische_Geschichten_und_Sagen.djvu/220&oldid=- (Version vom 1.8.2018)