Seite:Offenes Sendschreiben an die evangelisch-lutherische Geistlichkeit in Bayern in der Gesangbuchssache.pdf/8

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Anstalten zur Entfernung des Gesangbuches aus den Schulen machen? Haben die widriggesinnten unter den Schullehrern nicht gerade daran einen guten Vorwand mehr, ihren unkirchlichen Sinn zu beschönigen, daß sie erfahren, wie die einen Geistlichen gegen, die anderen für das Gesangbuch eifern?

 Was ist wohl die Ursache, daß dem Uebelstand, der durch das Gesangbuch obwaltet, nicht abgeholfen wird? Irre ich wohl, wenn ich glaube, es sind die Rücksichten auf die Zeitverhältnisse, auf den religiösen Zustand der meisten Gemeinden und auf den Kostenpunkt einerseits; und andererseits die Menschenfurcht, Menschengefälligkeit, Nachgiebigkeit gegen den Zeitgeist und vielleicht hie und da auch Bequemlichkeitsliebe, woran noch immer viele Geistliche laboriren? Man sagt, es sey jetzt nicht an der Zeit, ein neues Gesangbuch einzuführen; es sey eine Zeit des Widerspruchs gegen alles Bessere; die Einführung eines neuen Gesangbuches würde für einen Rückschritt und für eine Reaction angesehen werden. Man sagt ferner, die meisten Gemeinden stehen noch auf einer zu tiefen Stufe christlicher Erkenntniß; die Unkirchlichkeit, die Theilnahmslosigkeit an den höchsten Interessen der Kirche, und die Glaubenslosigkeit habe zu sehr überhand genommen; man müsse auf bessere Zeiten warten. Zuletzt kommt man noch mit dem Kostenpunkt, macht diesen zum Popanz für Viele, und stellt ihn als ein unübersteigliches Bollwerk dar; es gäbe einen Aufruhr in den Gemeinden, wenn man in dieser geldarmen Zeit mit einer solchen Zumuthung käme.

 Aber alle diese Bedenken erscheinen mir nicht als stichhaltig, sondern vielmehr als unsere Ankläger. Wer trägt einen großen, wenn nicht den allergrößten, Theil der Schuld, daß es in religiös-kirchlicher Hinsicht um die meisten Gemeinden so schlimm steht? Ich will hieraus einen tüchtigeren Mann, als ich bin, antworten lassen, nämlich den seligen Wilhelm Hofacker, der am Reformationsfeste v. Js. vor Tausenden von Zuhörern also gesprochen hat[1]:

 „Ja auch die Kirche hat gesündigt in ihren Häuptern und in ihren Gliedern. Die Häupter, unsere kirchlichen Behörden,
  1. S. dessen vier letzte Predigten. Stuttgart 1818.