Offenes Sendschreiben an die evangelisch-lutherische Geistlichkeit in Bayern in der Gesangbuchssache

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Autor: Christian Philipp Heinrich Brandt
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Titel: Offenes Sendschreiben an die evangelisch-lutherische Geistlichkeit in Bayern in der Gesangbuchssache
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Erscheinungsdatum: 1850
Verlag: C. H. Beck
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Erscheinungsort: Nördlingen
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Offenes Sendschreiben
an
die evangelisch-lutherische Geistlichkeit in Bayern
in der
Gesangsbuchssache.


Von


Heinrich Brandt,


Pfarrer in Kattenhochstadt





Nördlingen,
Druck und Verlag der C. H. Beck’schen Buchhandlung.
1830.

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|  Indem ich meinen geliebten Amtsbrüdern in diesen Zeilen meine Ansichten und Bedenken in Betreff unseres so vielfach schon besprochenen Gesangbuches offen darlege, hege ich dabei einen dreifachen Wunsch; einmal, daß dieses offene Wort nicht so gedeutet werden möchte, als wollte ich mit diesem in einer so wichtigen Angelegenheit nur einen neuen Zankapfel hinwerfen. Ich kann versichern, daß ich dabei weder diese, noch sonst eine andere unlautere Absicht habe; ebenso kann ich auch versichern, daß ich unsere evangelisch-lutherische Kirche und den Stand, dem ich angehöre, viel zu hoch achte und zu innig liebe, als daß ich in dieser so wichtigen und an Anforderungen an unseren Stand so reichen Zeit etwas anderes im Auge haben könnte, als die Ehre beider. Ich kann mich nämlich des Gedankens nicht erwehren, daß es weder unserer Kirche noch deren Dienern zur Ehre gereichen könne, wenn dieses Gesangbuch fortwährend im Gebrauch bleibt, das, unpartheiisch und vorurtheilsfrei angesehen, ein fortwährender Ankläger der evangelisch-lutherischen Geistlichkeit ist, was unter anderem auch daraus hervorgeht, daß es der Liebling aller derer ist, die sich der besseren Gestaltung unserer Kirche so hartnäckig entgegen setzen. Als ohnlängst in Weissenburg zwei deutsch-katholische Redner die schwachen und die am Glauben schon längst Schiffbruch gelittenen Glieder der Gemeinde für ihre Vernunfts- (Unvernunfts-)Kirche zu gewinnen und unsere Kirche mit allen Waffen der Frechheit, der Bosheit und des größten Unsinnes zu verunglimpfen suchten, glaubte der Mann, auf dessen Einladung diese Redner (Dumhof und Bierdimpfel) sogleich gelaufen kamen, und denen Niemand das Zeugniß eines kirchlich gesinnten Gemeindegliedes geben wird, nichts besseres thun zu können, als daß er diese Redner | mit einer Ansprache über unser Gesangbuch, das er für ganz vortrefflich erklärte, weßhalb sich’s die vernünftig Denkenden nicht nehmen lassen dürften, einführte. Gewiß ein sprechender Beweis für meine Behauptung, daß ein Gesangbuch, welches der Liebling der Glaubenslosen ist, unserer Kirche und unserem Stande nicht zur Ehre gereichen kann.

 Fürs Zweite wünsche ich, daß mein offenes Wort, wenn es gewürdigt werden sollte, in Kreisen geliebter Amtsbrüder besprochen zu werden, etwas zur baldigen Beseitigung dieses einen, und gewiß nicht des geringsten, Nothstandes in unserer Kirche beitragen möchte. Sollte ich mich aber mit meinen Behauptungen im Irrthume befinden, so wünsche ich endlich noch zur Beruhigung meines Gemüthes und Gewissens, daß ein in dieser wichtigen Sache richtiger sehender Amtsbruder die Mühe nicht scheuen möchte, mich mit sanftmüthigem Geiste eines Bessern zu belehren, und sich dafür im Voraus meines herzlichsten Dankes versichert zu halten.

 Nachdem die großen und mannichfachen Gebrechen unseres Gesangbuches von hochgeachteten gläubigen Männern schon so oft sattsam dargethan worden sind, kann es mir nicht mehr in den Sinn kommen, dieselben hier nochmals aufzuzählen; eben so wenig will ich mich bei der Frage aufhalten: „wie es möglich war, daß ein solches Machwerk je zur allgemeinen Einführung gelangen konnte?“, da Jedermann die Zeit wohl kennt, in der es über Pausch und Bogen zusammengeschrieben und mit aller Eile eingeführt worden ist, und weiß, daß es zur Zeit des flachsten Rationalismus geschah, da der Hirten und Heerden gar viele schliefen, und darum jene thun konnten, was sie wollten, und diese mit sich machen ließen, was beliebte. Wer könnte von solch’ einer Zeit auf dem Gebiete der Kirchenbücher etwas anderes als Mißgeburten erwarten! Ich führte das Gesangbuch bei meiner ersten Gemeinde am Reformationsfeste ein und klage mich heute noch darüber an, daß ich so verblendet war, ein Gesangbuch zu empfehlen, das mit meiner damals gehaltenen Predigt über die Verpflichtung, vest an der evangelisch-lutherischen Lehre zu halten, im offenen Widerspruche stand.

 Ich will vielmehr mein Befremden darüber laut werden lassen, | wie auch jetzt noch ein Gesangbuch im Gebrauch bleiben und noch Vertreter finden kann, über das der längst wieder erwachsene bessere kirchliche Sinn den Stab gebrochen hat? Mancher liebe Amtsbruder wird mir vielleicht über meine freie Äußerung zürnen. Dem sey aber wiederholt versichert, daß ich Niemanden wehe thun will, nur die Ehre unserer Kirche und unseres Standes im Auge habe und für brüderliche Zurechtweisung nicht unempfänglich bin und gar wohl weiß, daß ich der Geringste bin, der in dieser wichtigen Sache eine Stimme abgiebt. Ich glaube nämlich die Wahrheit auf meiner Seite zu haben, wenn ich die Ansicht ausspreche, daß an dem so langen Fortgebrauch unseres Gesangbuches am meisten wir Geistlichen schuld sind und daß das Gesangbuch unser fortwährender Ankläger ist. Unsere evangelisch-lutherische Kirche hat, wie keine andere, einen reichen Schatz an den köstlichsten Kirchenliedern. Warum wird dieser aber immerfort den Gemeinden von uns vorenthalten? Sind wir die Herren oder nicht vielmehr nur die Haushalter über denselben und die Spender desselben? Wir verargen es dem römisch-katholischen Clerus, daß er dadurch an den Laien ein Unrecht begeht, daß er ihnen die Bibel vorenthält und den Abendmahlskelch entzieht; begehen nicht aber auch wir dadurch einen unverantwortlichen Raub an unseren Pfarrkindern, daß wir ihnen den köstlichen Liederschatz, der durch alle Jahrhunderte Gemeingut unserer Kirche seyn sollte, vorenthalten? Ist es nicht schon beklagenswerth genug, daß sich hie und da eine Gemeinde auch jetzt noch mit losen rationalistischen Predigten abspeisen lassen muß und unsere öffentlichen Gottesdienste durch unverzeihliche Vernachlässigung des liturgischen Theiles bis aufs minimum reducirt sind; sollen die Laien auch am Gesangbuche für die Kirche und das Haus nichts mehr haben? Oder ist es nicht über alle Maaßen erbärmlich, daß man bei einem Gesangbuche von 775 Liedern kaum auf den zehnten Theil derselben beschränkt ist, die übrigen alle aber stets nutzlos herumschleppen muß? Als ich vor einigen Jahren im Bade Kissingen den evangelischen Gottesdienst besuchte, fragte mich vor Beginn desselben mein Nebenmann, ein Hannoveraner, was gesungen werde. Ich schlug ihm, | um ihm ein wenig auf den Zahn zu fühlen, das Commerçelied Nro. 589 auf, und nachdem er es unter stetem Kopfschütteln gelesen hatte, sagte er, über den Inhalt dieses Liedes ganz entrüstet: „Das Lied ist ja noch heilloser, als das, welches ich auf meiner Reise durch Sachsen gelesen habe, in welchem eine Confirmandin den lieben Allvater bittet, daß er ihr, wenn sie einmal heirathen solle, doch ja einen recht liebenswürdigen und treuen Freund in ihrem Bräutigam zuführen möchte. Solches Zeug singt man in Bayern? Wie mag es da um die Prediger und um die Gemeinden stehen? Ein solches Buch würden unsere Pastoren nicht in der Kirche dulden.“ Erst als ich ihm sagte, daß dieses Lied nicht gesungen werde, sondern nur darum im Gesangbuche stehe, weil dieses zu einer Zeit eingeführt worden ist, in der man es für etwas Zeitgemäßes gehalten hat, den Kirchenbüchern ein Janusgesicht zu geben; und erst, nachdem er vom lieben Badeprediger eine recht gläubige und salbungsvolle Predigt gehört hatte, legte sich sein Grimm allmälig.
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 Wir Geistliche warnen jetzt vielfach vor den Irrlehrern und Sectenmachern, die gleich Pilzen über Nacht aufschießen, und thun damit nur, was die Zeitverhältnisse von uns fordern, dulden aber ein Gesangbuch, das von Irrlehren wimmelt. Wir klagen über die unkirchlichen Zeiten, über die Unbekanntschaft so vieler Laien mit der Kirchenlehre, ja über den vielfachen Abfall von dieser, und können darüber nicht oft und laut genug klagen, lassen aber doch Jahr aus Jahr ein aus einem Gesangbuche singen, an dessen bessere Lieder Johann Ballhorn seine Hand angelegt hat, und dessen meiste Lieder ganz geeignet sind, jene Unbekanntschaft zu unterhalten und diesem Abfall Vorschub zuthun. Ist das nicht ein arger Widerspruch? Bleibt dieses Gesangbuch noch länger im Gebrauch, so kann es denjenigen Laien, die von seiner Erbärmlichkeit überzeugt sind, nicht verargt werden, wenn sie das Bedenken hegen, ob die sich rechtgläubig nennenden Geistlichen auch wirklich rechtgläubig seyen, und ob es diesen mit dem Dringen auf Lehreinheit, Bekenntnißtreue und Lehrzucht ein wahrer Ernst sey: Ich für meinen Theil finde zwischen dem von der letzten Generalsynode | abgelegten Glaubensbekenntnisse und den Aeußerungen und Beschlüssen derselben in der Gesangbuchssache einen Widerspruch.

 Wenn ein deutsch-katholischer Redner uns die Zumuthung machen würde, ihm unsere Kirche zur Widerlegung der Lehre von der Gottheit Christi, von der Rechtfertigung, von Taufe und Abendmahl, von der Auferstehung Christi und seiner Glieder zu öffnen, es würde diese Zumuthung ganz gewiß von uns allen mit größter Indignation zurückgewiesen werden; was soll man aber dazu sagen, daß im Kirchengesangbuche Lieder stehen, die einen Ronge, Dumhof oder Bierdimpfel zum Verfasser zu haben scheinen, Lieder, um welcher willen diese Herren unser Gesangbuch bei ihrem Götzendienst so gerne gebrauchen?

 Es zeigt sich jetzt allenthalben ein großer Eifer für die äußere und innere Mission; man sagt, daß dieses Sache der Kirche und eines jeden Christen seyn soll, und auch ich stimme dem von Herzen bei; man sagt, daß man Rettungshäuser für verwahrloste Kinder bauen, Vereine zur Verbreitung guter Schriften gründen soll u. s. w.; das Alles ist auch mir aus der Seele geredet. Aber ich frage, soll und muß, wenn für das eine und andere mit Segen gewirkt werden will, nicht auch auf das nächste und wesentlichste Bedürfniß für Kirche, Schule und Haus – ein gutes Gesangbuch – Bedacht genommen werden? Die Heiden bekehren, dem schauerlichen Proletariate aufhelfen wollen, und doch nicht so viel Herz für die eigene Kirche haben, daß man den alten Sauerteig – das schlechte Gesangbuch – ausfege, scheint mir ein schreiender Widerspruch zu sein.

 Es wird ferner von uns Geistlichen gegen viele unkirchlich gesinnte Schullehrer und gegen schlechte Schulbücher geeifert, was gewiß sehr an der Zeit ist. Ist es aber nicht recht inconsequent, wenn die evangelisch-lutherische Geistlichkeit fortwährend ein Gesangbuch in der Schule gestattet, dessen Schädlichkeit alle einsichtsvollen und treuen Freunde der Kirche und der Schule auf unwiderlegliche Weise dargethan haben? Gewinnt es nicht leicht den Anschein, als ob die Geistlichen nur gerne gegen unkirchliche und ungläubige Schullehrer eifern, während sie doch keine ernstlichen | Anstalten zur Entfernung des Gesangbuches aus den Schulen machen? Haben die widriggesinnten unter den Schullehrern nicht gerade daran einen guten Vorwand mehr, ihren unkirchlichen Sinn zu beschönigen, daß sie erfahren, wie die einen Geistlichen gegen, die anderen für das Gesangbuch eifern?

 Was ist wohl die Ursache, daß dem Uebelstand, der durch das Gesangbuch obwaltet, nicht abgeholfen wird? Irre ich wohl, wenn ich glaube, es sind die Rücksichten auf die Zeitverhältnisse, auf den religiösen Zustand der meisten Gemeinden und auf den Kostenpunkt einerseits; und andererseits die Menschenfurcht, Menschengefälligkeit, Nachgiebigkeit gegen den Zeitgeist und vielleicht hie und da auch Bequemlichkeitsliebe, woran noch immer viele Geistliche laboriren? Man sagt, es sey jetzt nicht an der Zeit, ein neues Gesangbuch einzuführen; es sey eine Zeit des Widerspruchs gegen alles Bessere; die Einführung eines neuen Gesangbuches würde für einen Rückschritt und für eine Reaction angesehen werden. Man sagt ferner, die meisten Gemeinden stehen noch auf einer zu tiefen Stufe christlicher Erkenntniß; die Unkirchlichkeit, die Theilnahmslosigkeit an den höchsten Interessen der Kirche, und die Glaubenslosigkeit habe zu sehr überhand genommen; man müsse auf bessere Zeiten warten. Zuletzt kommt man noch mit dem Kostenpunkt, macht diesen zum Popanz für Viele, und stellt ihn als ein unübersteigliches Bollwerk dar; es gäbe einen Aufruhr in den Gemeinden, wenn man in dieser geldarmen Zeit mit einer solchen Zumuthung käme.

 Aber alle diese Bedenken erscheinen mir nicht als stichhaltig, sondern vielmehr als unsere Ankläger. Wer trägt einen großen, wenn nicht den allergrößten, Theil der Schuld, daß es in religiös-kirchlicher Hinsicht um die meisten Gemeinden so schlimm steht? Ich will hieraus einen tüchtigeren Mann, als ich bin, antworten lassen, nämlich den seligen Wilhelm Hofacker, der am Reformationsfeste v. Js. vor Tausenden von Zuhörern also gesprochen hat[1]:

 „Ja auch die Kirche hat gesündigt in ihren Häuptern und in ihren Gliedern. Die Häupter, unsere kirchlichen Behörden, | haben gefehlt; sie glaubten genug zu thun, wenn nur alles in den Tabellen und in den Acten richtig stände, während es im Leben ganz anders aussah; sie haben es bewenden lassen bei den Formen, beim Normiren, Rescribiren und Sanctioniren; der Geschäftsgeist hat gewaltet, aber der Gebets- und Glaubensgeist ist selten geworden. Aber auch wir, eure Lehrer und Seelsorger haben gefehlt, wir haben uns gegen euch versündigt; wir haben nicht genug Treue bewiesen bei der Seelsorge in eueren Häusern und bei der Verkündigung des göttlichen Wortes; wir haben euch nicht priesterlich genug auf dem Herzen getragen; wir waren nicht brünstig genug im Bitten, im Beschwören, im Vermahnen, im Warnen, wir haben das Verirrte nicht treulich genug gesucht, sind dem Verlornen nicht genug nachgegangen; ja wir haben es an diesem Allem so fehlen lassen, daß ganze Horden von Proletariern heranwachsen konnten, die wir nicht mit dem Brod und Wasser des Lebens gespeist und getränkt haben. Darüber beugen wir uns und bekennen unsere Schuld dem Herrn.“

 Die Gemeinden haben gewiß auch uns allen – ach, wer wüßte sich ganz schuldfrei! – Manches vorzuwerfen, obschon auch von uns Vielen entgegengehalten werden kann, was Hofacker weiter sagt:

 „Aber auch du Gemeinde hast gesündiget und hast das theure Evangelium oft gleichgültig angehört, und hast es nicht zur Kraft und zum Leben kommen lassen, zur Besserung und Reinigung deines Lebens; du hast in vielen deiner Glieder das angebotene Heil nicht angenommen; ja! ich habe die Ueberzeugung, daß viele ihre Herzen verriegelt haben gegen diesen Ruf zur Buße und Belehrung. Der selige Dann sagte mir einst: „Wenn ich an ein Krankenbette gehe, so nehme ich jedesmal einen ganzen Bund Schlüssel mit; ich versuche es mit diesem und jenem Schlüssel aus dem Worte Gottes an den Herzen der Kranken, aber es geht nicht auf. Warum? Weil es inwendig verriegelt sey.“ Geliebte! Vieler | Herzen sind so verriegelt, und diejenigen, die aufgewacht, die haben nicht ausgeträumt; das Wort des Herrn kann bei ihnen nicht völlig ein- und durchdringen; sie beherbergen noch so vieles andere neben demselben.“

 Es ist allerdings wahr, daß unter den Laien – besonders in höheren Ständen – eine entsetzliche Unwissenheit in göttlichen Dingen sich findet – und ist wahr, daß ein frecher Unglaube alle Verhältnisse in einem hohen Grad unterminirt und inficirt hat; es kann nicht geläugnet werden, daß eine Gleichgültigkeit, ja selbst ein Haß gegen die Kirche überhand genommen hat, wie kaum zu einer andern Zeit und Vieler Sinne, Gedanken, Dichten, Trachten und Leben wahrhaft heidnisch geworden ist. Auch kann nicht in Abrede gestellt werden, daß sich selbst bei vielen Bessergesinnten in kirchlichen Dingen, wie z. B. in ihren Ansprüchen an ein Kirchengesangbuch, eine solche Tact- und Geschmacklosigkeit an den Tag gelegt hat, daß man lieber einen Blinden über die Farben urtheilen hört, als solche über das, was die Kirche ist und soll und was ihr frommt. Mit Gewißheit ist auch vorauszusehen, daß gegen die Einführung selbst des besten Gesangbuches ein großer Troß von Halbgläubigen, Ungläubigen, Unkirchlichen und Gewohnheitskirchengängern einen gewaltigen Lärm erheben wird.

 Aber, frage ich, sind denn diese Leute nur allein da, allein zu hören und zu berücksichtigen? Sind nicht noch viele, viele gläubige Seelen in der Kirche, die durch Predigt, Gesang und Liturgie auf ihrem allerheiligsten Glauben erbaut werden wollen? Haben wir Geistliche irgendwie Vorsicht und Rücksicht zu nehmen, so muß diese doch vor allem auf die gläubigen Kirchenglieder und darauf gerichtet seyn, was diese mit Recht fordern können. Erst fragen und erwägen, was der Haufe der Indifferenten und Ungläubigen, die vom Christen wenig mehr als den Namen haben, dazu sagen und was von ihm zu hoffen oder zu fürchten seyn dürfte, würde nicht nur nie zum Ziele führen, sondern auch im höchsten Grade ungeistlich seyn. Und sollen sich gläubige Kirchenglieder deshalb, weil sich ein Haufe von Ungläubigen, Indifferenten und Unwissenden einem guten Gesangbuche entgegensetzen würde, | fort und fort auf bessere, gelegenere Zeit vertrösten lassen? Ei, wann wird denn diese kommen? oder ist sie etwa schon vor der Thüre? Ich sehe noch nichts davon. Was für eine Zeit erwartet man denn? Etwa eine solche, da es keine Ungläubigen, keine Kirchenverächter, kein bürgerliches und kein kirchliches Proletariat mehr geben wird? Ists möglich, daß wir Geistliche auf solche Zeit warten können?

 Wie stehts aber um den Kostenpunkt, auf den ein so gewaltiges Gewicht gelegt wird und der von Vielen für einen unübersteiglichen Berg von Hindernissen und Schwierigkeiten gehalten wird? Was diesen Punkt anbetrifft, so kann ich mich auch durch ihn nicht abschrecken lassen. Man trägt Bedenken, den Gemeinden die Anschaffung eines neuen Gesangbuches zuzumuthen. Ei, wenn man so außerordentlich schonend seyn will, warum trägt man denn kein Bedenken, den Gemeinden alljährlich 18000 fl. für 18000 Exemplare eines Gesangbuches abzunehmen, von dem kaum der zehnte Theil der Lieder brauchbar ist, und den Gemeinden zuzumuthen, die übrigen unnützen neun Zehntheile mitzukaufen, ja auch für diese noch den Aufschlag zu entrichten? Ist das nicht ein großer Widerspruch, wenn nicht gar was Aergeres?

 Gesetzt nun, daß die Einführung eines guten Gesangbuches einen nicht unbedeutenden Kostenaufwand für einige Zeit verursacht, so darf dieser doch gewiß nicht so hoch angeschlagen werden, wenn es gilt, etwas anerkannt Unbrauchbares und Schlechtes, ja Schädliches aus Kirche und Schule hinaus zu schaffen, und einem wesentlichen und dringenden Bedürfnisse durch ein Besseres abzuhelfen, was geschehen kann, wenn nur erst einmal den Gemeinden hinsichtlich der Ausgeburt einer ungläubigen Zeit reiner Wein eingeschenkt worden ist. Irre ich nicht, so wird auch dieser Punkt weniger von wahren Kirchenfreunden im Laienstande, als von den Geistlichen in den Vordergrund gestellt. So oft ich noch den Diöcesansynoden beigewohnt habe, war mir die Verhandlung über das Gesangbuch, und in specie über den Kostenpunkt, jedesmal der unerquicklichste Theil der ganzen Synode; ja, ich sage es frei heraus, ein großes Aergerniß. Zuerst wurde im öffentlichen | Gottesdienste vom Synodalprediger im Namen der ganzen Synode gelobt, das Beste der Kirche nach allen Kräften zu fördern und mit Gut und Blut für sie einzustehen; kam dann in der Synode die Sprache aufs Gesangbuch, und hatte nur einmal ein weltliches Mitglied, das im Stande war, den Mund aufzuthun, mit dem Kostenpunkte den Mund recht voll genommen, hilf Himmel, wie wurde da die ganze Synode mit einem Male so lebendig! „Sehen Sie da, liebe Amtsbrüder, rief dann hie und da ein um die Gunst der Laien buhlender Geistlicher, wie unklug es wäre, in dieser geldarmen Zeit ein neues Gesangbuch einzuführen!“ Daß da immer ein oder etliche Geistliche die Fürsprecher derjenigen unter den Laien machten, denen eine gute Maas Bier oder ein Joch Ochsen mehr am Herzen lag, als die Kirche, das hat mich immer auf das Schmerzlichste berührt und an den Ausruf jenes vermeintlichen Patrioten erinnert, dem ein Beitrag zum Besten des Vaterlandes abgefordert wurde: „Was? Gut und Blut haben wir schon dem Vaterlande gelobt, und jetzt sollen wir auch noch Geld geben?!“

 Das Geld soll in unserer evangelisch-lutherischen Kirche ein so großes Hinderniß bei der Einführung eines besseren Gesangbuches seyn? Bedenken wir Geistliche wohl, wie wir damit unsere Landeskirche blamiren, wenn wir ein so großes Gewicht auf das Geld legen? Was, um nur einige Beispiele anzuführen, im kleinen Württemberg so leicht gieng, das sollte in Bayern so großes Bedenken erregen, ja fast an’s Unmögliche gränzen? Was kostet sodann den römisch-katholischen Laien ihr Gottesdienst an Kirchenopfern, Wallfahrten, Messen für Verstorbene, Kranke, Reisende? Welche Opfer bringen die Deutschkatholiken und andere Secten für die Ausbreitung ihrer seelenverderblichen Irrlehren? Und du, meine evangelisch-lutherische Kirche Bayerns wärest so bettelarm, daß deine Glieder nicht etliche Kreuzer für ein so wichtiges Buch, wie ein gutes Kirchengesangbuch ist, aufzubringen vermöchten, ohne darüber Ach und Weh rufen zu müssen? Fürwahr, wenn durch den Vorwand des Kostenpunktes unsere Kirche nicht ganz beschimpft wird, so wüßte ich nicht, wodurch das noch mehr geschehen könnte.

 In einer Zeit, in der so entsetzlich viel bei Volksversammlungen, | für demokratische Zwecke und die verderblichsten, das Vaterland und das häusliche Leben an den Abgrund des Elends führende, Dinge verschwendet wird, sollte wirklich kein Geld für kirchliche Zwecke aufzubringen seyn? Gerade in solch’ einer Zeit, meine ich, sollten wir Geistliche eine ganz andere Sprache führen. – Gerne gebe ich zu, daß die Anschaffung eines neuen Gesangbuches manchen, besonders zahlreichen unbemittelten, Familien lästig fallen mag. Kann man denn aber solchen nicht irgendwie zu Hülfe kommen? Hat man denn schon versucht, in unserer an Vereinen so reichen Zeit auch einen Gesangbuchsverein zum Besten Unbemittelter zu gründen? Ferner, kann denn nicht ein möglichst niedriger Preis erzielt werden? Sollten denn endlich die kirchlichen Behörden nicht vermahnt werden können, den Aufschlag auf das Gesangbuch zum Besten der Pfarrwittwenkasse, wenn er auch nicht ganz zu beseitigen wäre, doch zu ermäßigen, und sollten, wenn das geschähe, wir Geistliche scheel dazu sehen? Oder könnte nicht wenigstens dieser Aufschlag doch den Armen, Wittwen, Waisen und Dienstboten erlassen werden? Dieß gienge vielleicht leichter, als die Ausführung des Wunsches, daß den armen Taglöhnern das Seidlein Bier, das sie zu ihrer Stärkung nöthig haben, ohne Malzaufschlag möchte verabreicht werden können.
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 Viel ließe sich noch für die möglichst baldige Entfernung unseres Gesangbuches und für die baldigste Einführung eines besseren sagen, aber es sey für diesmal genug. Nur einigen Einwänden, die mir etwa gemacht werden möchten, will ich noch im Voraus begegnen. Man könnte mir einwenden, daß ich doch ein gar zu großes Gewicht auf ein gutes Gesangbuch lege. Hierauf antworte ich, daß mir Bibel, Katechismus und ein gutes Gesangbuch eine Trias sind, die vollkommen mit einander übereinstimmen müssen, und ich ein gutes Gesangbuch für den besten Ausleger der Bibel und des Katechismus, für den besten Mitprediger in der Kirche, den besten Vorarbeiter in der Schule, den besten Nachhelfer im Hause und den besten Begleiter des Geistlichen an das Krankenbett halte. Ein Kernlied, in welchem eine Bibelstelle, eine Glaubenslehre so zu sagen recht ad hominem erklärt und durchgeführt | wird, wirkt, wenn es sich einmal dem Gedächtnisse vest eingeprägt hat, oft mehr, als die längste Predigt und als stundenlanges Lesen in der heiligen Schrift. Dieses, und nicht blos die Vorliebe für das in der Jugend Gelernte und Gewohnte, ist ein Hauptgrund, warum so viele bejahrte und kranke Laien so sehr an den alten Liedern hängen.

 Man könnte mir für’s andere entgegnen, daß ich die Bemühungen der Generalsynoden zur Erzielung eines besseren Gesangbuches nicht anerkennen wolle. Hierauf erwidere ich, daß ich gar wohl zu würdigen wisse, was bei den Generalsynoden in dieser Angelegenheit schon geschehen ist, – erlaube mir aber auch zu bemerken, daß ich die veste Ueberzeugung habe, daß trotz aller Bemühungen der auf diesen Synoden für ein besseres Gesangbuch stimmenden Mitglieder in so lange nichts Ersprießliches zu hoffen sey, als bei der Abstimmung die Stimmen gezählt und nicht gewogen werden, und als an dem Grundsatze festgehalten wird, daß zwei Drittel jeder Gemeinde für Einführung eines neuen Gesangbuches stimmen müssen. Sollte endlich gar noch darauf gedrungen werden wollen, daß ein und dasselbe Gesangbuch zugleich in allen Gemeinden, etwa gar zwangsweise, eingeführt werde, so möchte unsere Kirche in dieser Hinsicht wohl auch noch die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts hindurch eine seufzende Creatur bleiben.

 Wie soll nun aber den Gemeinden, welche nach einem guten Gesangbuche Verlangen tragen, zu einem solchen verholfen werden? Dazu sehe ich nur Einen Weg vor mir, und das ist der Privatweg. Kann auf diesem Wege nur einmal erst ein von tüchtigen Männern als gut befundenes Gesangbuch den Gemeinden empfohlen werden und sind für dasselbe nur erst gegen fünfzig Gemeinden, denen gewiß bald andere nachfolgen werden, gewonnen worden, sollte dann von dem Kirchenregimente für diese Gemeinden die Genehmigung zur Einführung nicht erbeten werden können? Oder sollte es ohne erwünschten Erfolg bleiben, wenn sich vielleicht hundert Geistliche zu der Erklärung an das Kirchenregiment vereinigen würden, daß sie bisher mit stetem Widerstreben ihres Gewissens aus dem anerkannt schlechten Gesangbuche haben singen lassen, | daß sie aber nun, nachdem sie mit ihren Gemeinden ein gutes kennen gelernt haben, es nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinigen können, ihren Gemeinden den Schatz an guten, salbungsvollen Liedern noch ferner vorzuenthalten und ihnen zuzumuthen, das Geld noch ferner für ein Gesangbuch auszugeben, das seinem allergrößten Theile nach für sie beim kirchlichen und häuslichen Gebrauche ganz nutzlos ist, weshalb sie bitten u. s. w.? Daß auf eine solche Erklärung und Bitte, als von einem nicht zu beachtenden Häuflein herrührend, abschläglich beschieden werden sollte, glaube ich nicht befürchten zu müssen.

 So gehe denn diese kleine anspruchslose Pieçe hinaus in den Kreis, für den sie bestimmt ist, und grüße die Brüder im Amte, sowohl die, welche für, als auch die, welche gegen ein neues Gesangbuch sind, mit dem Gruße der Liebe, und wiederhole bei den einen wie bei den anderen die Versicherung, daß sie nur darum geschrieben worden ist, weil ihr Verfasser die ernste Ueberzeugung hat, daß mit der längeren Beibehaltung des besprochenen Gesangbuches so Vieles zusammenhängt, das unserer Kirche nicht zur Ehre gereicht und deshalb möglichst bald beseitigt werden sollte.





  1. S. dessen vier letzte Predigten. Stuttgart 1818.