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Liste.png Philon: Über das Zusammenleben um der Allgemeinbildung willen (De congressu eruditionis gratia) übersetzt von Hans Lewy

Mensch möge das annehmen –, sondern um die symbolische Erklärung von Tatsachen, welche die Seele zu fördern vermögen.[1] Wenn wir die Namen in unsere Sprache[2] übersetzen, werden wir erkennen, daß sich die Verheißung bewahrheitet. Laßt uns also jeden einzelnen Namen prüfen. [9] 45 Nachor bedeutet „Ausruhen des Lichts“, Melcha „Königin“, Ruma „die etwas Sehende“.[3] Der Besitz eines Lichtes im Verstand ist nämlich ein Gut, dagegen ist der Besitz eines Lichtes, das ausruht, ruhig und unbewegt ist, kein vollkommenes Gut. Denn es ist nützlich, daß das Schlechte sich im Ruhezustand, und zuträglich, daß das Gute sich in Bewegung befinde. 46 Welchen Vorteil bietet einer, der eine schöne Stimme besitzt, aber schweigt, oder ein Flötenspieler, der nicht bläst, ein Harfenspieler, der nicht spielt, oder ganz allgemein ein Künstler, der seine Kunst nicht ausübt? Die bloße Theorie ohne Ausübung ist doch für die Sachkundigen ohne Nutzen. Denn ein Pankratiast[4], ein Faustkämpfer oder ein Ringer, dem die Hände auf dem Rücken zusammengebunden sind, kann seine Kampftechnik ebensowenig nutzen wie der geübte Läufer, wenn er an der Fußgicht leidet oder einen anderen Schaden am Bein genommen hat.[5] 47 Das sonnenähnlichste Licht der Seele ist aber die Wissenschaft. Denn wie die Augen durch die Strahlen, so wird auch die Vernunft durch die Weisheit erleuchtet, und [526 M.] wenn sie schärfer zu blicken geübt wird, an immer neue Erkenntnisse gewöhnt. 48 Mit Recht wird also der Name Nachor „ausruhendes Licht“ übersetzt. Denn insoweit er mit dem weisen Abraham verwandt ist, hat er am Lichte der Weisheit teil. Insofern er aber an dessen Auszug vom Gewordenen zum Ungewordenen und

Empfohlene Zitierweise:
Philon: Über das Zusammenleben um der Allgemeinbildung willen (De congressu eruditionis gratia) übersetzt von Hans Lewy. H. & M. Marcus, Breslau 1938, Seite 16. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PhiloCongrGermanLewy.djvu/016&oldid=2958482 (Version vom 28.11.2016)
  1. Zu dieser grundsätzlichen Äußerung vgl. Über die Namensänderung § 65. 70.
  2. D. h. die griechische Sprache, vgl. Über die Verwirrung der Sprachen § 129. S. Siegfried, Philon S. 131.
  3. נָחוֹר‎ wird hier von אוֹר‎ + נָח‎, מִלְכָּה‎ von מַלְכָּ‎, Ruma von רְאוּ מַה‎ abgeleitet. In den beiden folgenden Paragraphen wird der Name Nachor allegorisch gedeutet. Vgl. S. 17 Anm. 1.
  4. Pankration ‘Gesamtkampf’ ist eine Verbindung von Ring- und Faustkampf. S. Über die Nachstellungen des Schlechten usw. § 32 Anm. 2.
  5. § 47 knüpft gedanklich an § 45 an. § 46 ist Exempel für das § 45 erwähnte ἀγαθόν ἐν κινήσει, zu dessen Verständnis daran zu erinnern ist, daß κίνησις durchaus nicht nur die Ortsbewegung, sondern (zumal im aristotelischen System) jede Veränderung als Wirkung bedeutet.