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Liste.png Philon: Über das Zusammenleben um der Allgemeinbildung willen (De congressu eruditionis gratia) übersetzt von Hans Lewy

Feuers Kraft den hineingeworfenen Brennstoff verzehrt, so leckt auch die auflodernde Leidenschaft alles in ihrer Nähe Befindliche auf und vertilgt es. 56 Als Vater dieses Affekts wird mit Recht Eliphas überliefert; Denn dessen Name bedeutet: „Gott hat mich verstreut“.[1] Entsteht denn nicht sofort, nachdem Gott die Seelen aufgescheucht oder zerstreut und von sich mit Schimpf davongejagt hat, die vernunftlose Leidenschaft? Denn er (Gott) pflanzt einen edlen Weinstock, die schauende und wahrhaft gottliebende Vernunft,[2] läßt dessen Wurzeln sich bis zur Unendlichkeit strecken und segnet ihn mit reichem Ertrag zum Gebrauch und Genuß der Tugendgüter. 57 Darum betet auch Moses: „Nachdem du sie hineingeführt hast, pflanze sie ein“ (2 Mos. 15, 17), auf daß die göttlichen Gewächse nicht vergänglich, sondern unsterblich und ewig währten. Die ungerechte und gottlose Seele treibt er dagegen weit von sich fort und verstreut sie über die Gefilde der Lüste, Begierden und Freveltaten. Dieser Ort wird angemessen „Ort der Frevler“ genannt, damit aber nicht der Hades des Mythos gemeint; denn der wahre Hades ist das schuldhafte, blutbefleckte und mit allen Flüchen beladene Leben des Frevlers.[3] [12] 58 An einer anderen Stelle ist folgendes Wort eingemeißelt: „Als der Höchste Völker verteilte, wie er die Söhne Adams zerstreut hatte“ (5 Mos. 32, 8), – da vertrieb er alle erdgebundenen Naturen,[4] die sich nicht darum bemüht hatten, ein himmlisches Gut zu erblicken, und machte sie zu Haus– und Heimatlosen und wahrhaft Verstreuten. Denn die Frevler besitzen weder Haus noch Heimatort und vermögen auch keine gemeinschaftliche Beziehung zu bewahren, sondern verlieren ihren Halt, werden verstreut und hin– und hergetrieben, wechseln ständig ihren Ort und können nirgends festen Fuß fassen.[5] 59 Der

Empfohlene Zitierweise:
Philon: Über das Zusammenleben um der Allgemeinbildung willen (De congressu eruditionis gratia) übersetzt von Hans Lewy. H. & M. Marcus, Breslau 1938, Seite 19. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PhiloCongrGermanLewy.djvu/019&oldid=2962874 (Version vom 10.12.2016)
  1. Eliphas = אל‎ + י‎ + פזז‎ [dabei soll י‎ Objektssuffix sein; Philos Vorlage hat aber פזז‎, das im bibl. und nachbibl. Hebräisch „beweglich sein“ bedeutet, mit פזר‎ „zerstreuen“ verwechselt oder letzteres Zeitwort als Wurzel angenommen, was mit antiker Methode der Etymologien durchaus vereinbar ist. I. H.].
  2. D. i. Israel, s. o. § 51 Anm. 2.
  3. Der Vergleich zwischen dem sündhaften Dasein und dem Leben im Hades ist bei Philo (Über die Träume I § 151. Erbe des Göttlichen § 45) und überhaupt in der antiken Moralphilosophie (vgl. z. B. Lucretius III 978ff. und Heinze in seinem Kommentar zur Stelle) sehr häufig.
  4. Adam ist nach der etymologischen Bedeutung seines Namens Symbol für den „Erdgebundenen“ (γήινος); vgl. Über Abrahams Wanderung zu § 146.
  5. Vgl. § 57 das Bibelzitat (2 Mos. 15, 17).