Seite:Philosophie der symbolischen Formen erster Teil.djvu/149

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Wort ganz im Kreise des subjektiven Vorstellens und Meinens eingeschlossen oder besteht zwischen dem Reich der Benennungen und dem des wirklichen Seins ein tieferer Zusammenhang; gibt es eine innere „objektive“ Wahrheit und Richtigkeit der Benennungen selbst? Die Sophistik verneint, die Stoa behauptet eine derartige objektive Gültigkeit des Wortes; aber in der negativen, wie in der positiven Entscheidung bleibt die Form der Fragestellung selbst die gleiche. Daß die Erkenntnis die Aufgabe habe, die Wesenheit der Dinge, – daß die Sprache die Aufgabe habe, die Wesenheit der Erkenntnis widerzuspiegeln und nachzubilden: das ist die Grundannahme, von der in der Verteidigung wie in der Bestreitung ihres Wertes überall ausgegangen wird. Die Sophistik sucht zu zeigen, daß beide Aufgaben unlösbar sind: wenn es ein Sein gibt – so heißt es bei Gorgias –, so ist es dem Menschen unfaßbar und unerkennbar, wenn erkennbar, so ist es nicht aussprechbar und mitteilbar. Wie die Sinne des Gesichts und der des Gehörs ihrer Natur nach je in einem bestimmten Qualitätenkreise eingeschlossen bleiben, – wie der eine nur Helligkeiten und Farben, der andere nur Töne wahrzunehmen vermag, so kann auch die Rede niemals sich selbst transzendieren, um das ihr gegenüberstehende „Andere“, um das „Sein“ und die Wahrheit zu ergreifen[1]. Vergeblich versucht die Stoa dieser Konsequenz dadurch zu entgehen, daß sie, wie eine natürliche Verwandtschaft zwischen dem Sein und der Erkenntnis, so auch einen natürlichen Zusammenhang, eine Übereinstimmung κατὰ μίμησιν, zwischen Wort und Sinn behauptet. Die Ansicht, daß das Wort das Sein ganz oder zum Teil wiedergebe, daß es das echte ἔτυμον zu ihm bilde, führt sich selbst dadurch ad absurdum, daß sie in ihrer Fortentwicklung in ihr eigenes Gegenteil umschlägt. Neben dem Verhältnis der „Ähnlichkeit“ wird jetzt auch seine Umkehrung als etymologischer Erklärungsgrund zugelassen: nicht nur die ἀναλογία und ὁμοιότης, sondern auch die ἐναντίωσις und ἀντίφρασις gilt als sprachbildendes Prinzip. Die „similitudo“ wird zum contrarium; die „Analogie“ wird zur „Anomalie“. Welche verheerende Wirkung diese berüchtigte „Erklärung durch den Gegensatz“ im Fortgang der Etymologie gehabt hat, ist bekannt[2]: im Ganzen aber drückt sich in ihr nur aufs bestimmteste


  1. [1] Vgl. Sextus adv. Mathematicos VII, 83 ff. (Diels, Fragm. der Vorsokr., 76 B, 554): ὧι γὰρ μηνύομεν, ἔστι λόγος, λόγος δὲ οὐκ ἔστι τὰ ὑποκείμενα καὶ ὄντα · οὐκ ἄρα τὰ ὄντα μηνύομεν τοῖς πέλας ἀλλὰ λόγον, ὃς ἕτερός ἐστι τῶν ὑποκειμένων.
  2. [2] Einzelne charakteristische Beispiele s. bei Georg Curtius, Grundz. der griech. Etymologie 5, S. 5 f.; Steinthal, a. a. O. I, 353 ff.; Lersch, Sprachphilosophie der Alten, III, 47 ff.
Empfohlene Zitierweise:
Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen, erster Teil. Bruno Cassirer Verlag, Berlin 1923, Seite 133. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Philosophie_der_symbolischen_Formen_erster_Teil.djvu/149&oldid=- (Version vom 20.5.2020)