Seite:Philosophie der symbolischen Formen erster Teil.djvu/296

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sozusagen ein negatives Vorzeichen trägt, so drückt sich doch eben in dieser Negation selbst ein eminent positiver Akt der Sprachbildung aus. Es könnte auf den ersten Blick freilich scheinen, als ob die Entwicklung der Suffixe wesentlich darauf beruhte, daß die substantielle Grundbedeutung des Wortes, von dem sie sich herleiten, mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt und schließlich ganz vergessen wird. Dieses Vergessen geht oft so weit, daß neue Suffixbildungen entstehen können, die ihren Ursprung keinerlei konkreter Anschauung mehr, sondern gleichsam einem mißleiteten Trieb der sprachlichen Form- und Analogiebildung verdanken. So geht bekanntlich im Deutschen die Bildung des Suffixes -keit auf ein derartiges sprachliches „Mißverständnis“ zurück: indem in Bildungen wie êwic-heit das auslautende c des Wortstammes mit dem anlautenden h des Suffixes verschmolz, entstand auf diesem Wege ein neues Suffix, das sich durch Analogiewirkungen immer weiter verbreitete[1]. Aber auch in solchen Prozessen, die man, rein formell und grammatisch, als „Entgleisungen“ des Sprachsinnes anzusehen pflegt, liegt kein bloßer Irrweg der Sprache vor, sondern es stellt sich darin vielmehr die Erhebung zu einer neuen Formansicht, der Übergang vom substantialen Ausdruck zum reinen Beziehungsausdruck, dar. Die psychologische Verdunklung des ersteren wird zum logischen Mittel und zum Vehikel für die fortschreitende Ausbildung, die der letztere gewinnt.

Freilich darf man, um sich diesen Fortgang zum Bewußtsein zu bringen, nicht bei den einfachen Phänomenen der Wortbildung stehen bleiben. Seine Grundrichtung und sein Gesetz kann vielmehr erst an den Verhältnissen der Satzbildung erfaßt werden – denn wenn der Satz als Ganzes der eigentliche Träger des sprachlichen „Sinnes“ ist, so werden auch an ihm erst die logischen Nuancierungen dieses Sinnes deutlich hervortreten können. Jeder Satz, auch der sogen. eingliedrige, stellt schon in seiner Form wenigstens die Möglichkeit einer inneren Gliederung dar und enthält die Forderung einer solchen Gliederung. Aber diese kann sich nun in sehr verschiedenen Graden und Stufen vollziehen. Bald kann die Kraft zur Synthese die der Analyse überwiegen – bald kann umgekehrt die analytische Kraft der Sonderung zu einer relativ hohen Ausbildung gelangt sein, ohne daß ihr eine gleich starke Kraft zur Zusammenfassung entspricht. In der dynamischen Wechselwirkung und in dem Wettstreit


  1. [1] Das Material hierfür ist in Grimms Deutschem Wörterbuch V, Sp. 500 ff. (s. v. „keit“) zusammengestellt. Ganz ähnliche Prozesse einer „mißverständlichen“ Bildung von Suffixen finden sich auch in andern Sprachkreisen, vgl. z. B. Simonyi, Die ungarische Sprache, S. 276 f.
Empfohlene Zitierweise:
Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen, erster Teil. Bruno Cassirer Verlag, Berlin 1923, Seite 280. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Philosophie_der_symbolischen_Formen_erster_Teil.djvu/296&oldid=- (Version vom 31.5.2020)