Seite:Ramdohr-Venus Urania-Band 3.2.djvu/136

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Die Damen sind nur selten bey den Tournieren zugegen, und wenn sie es sind, so stehen sie in der Entfernung an den Fenstern, verhüllt, und ohne den Antheil öffentlich zu zeigen, den sie an ihren Rittern nehmen. Diese empfangen nicht den Dank aus ihren Händen, tragen nicht ihre Farben, nicht die Geschenke, welche als Merkmahle ihrer Gunst gegeben sind. Alles das scheinen Ideen neuerer Zeiten zu seyn. Die Ritter schlagen sich um des Vorzugs der Schönheit ihrer Damen willen, wie sie sich darum schlagen, wenn einer dem andern seinen Nahmen nicht nennen, oder nicht aus dem Wege gehen will. Diese Veranlassung zum Streit scheint mehr dem Muthwillen der Kraft, als der Liebe anzugehören. Der Charakter der Haupthelden des Stücks wird bloß durch den Ausdruck ihrer Leidenschaft, durch ihre Standhaftigkeit und Treue interessant. Diese werden jedoch nicht sonderlich auf die Probe gesetzt. Yseult steht im Schatten gegen Tristan. Sie zeigt sehr laxe Begriffe von Sittlichkeit. Sie hat dem Gatten ihre treue Begleiterin, Brangien, in der ersten Hochzeitsnacht untergeschoben, damit dieser den Verlust ihrer Unschuld nicht bemerken solle, und sie zettelt nachher einen Plan an, diese treue Freundin umbringen zu lassen, und dadurch die Spuren ihres Betrugs völlig zu vertilgen. Sie ist es, die ein fortgesetztes heimliches Verständniß, wobey ihr Ruf nicht gefährdet wird, einer Entführung, wozu ihr Geliebter räth, vorzieht. Sie ist es, welche nachher, als dieser aus Rechtschaffenheit sich verheirathet, ihn seiner Gattin abspenstig macht. Sie ist es, die dem Schwager ihres Tristans durch einen heimlich an ihn geschriebenen