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nicht traut. Ein jeder Pfarrer, der noch einen Funken Gewissen hat, müßte ebenso handeln. Das sind traurige, beweinenswerte Zustände in unserer Kirche... Ich will nicht mehr hievon reden, wenngleich mein Herz voll davon ist...

 Ich will ein wenig davon erzählen, wie wir die Wartezeit ausfüllen. Denk Dir, Herr Pfarrer hat uns wieder eine neue Idee gegeben, nämlich ein Rettungshaus hier zu gründen. Wir sammeln nun mit Eifer dafür. In den Akademischen Stunden wird immer dafür gesorgt, daß unsere Hände nicht ruhen, sondern Werke der Barmherzigkeit wirken. Mir ist alles, was ich tun darf, große Freude. Meinem Beruf als Lehrerin gebe ich mich in diesem Semester mit besonderer Lust hin, da mir meine Klasse viel Freude macht, außerdem gehe ich jeden Sonntagnachmittag nach Bechhofen, um dort die Kinder um mich zu sammeln und mit ihnen heilsame Dinge zu treiben. Ferner habe ich mit Babette Dieterich eine große Arbeit unternommen, nämlich eine Liederkonkordanz zu schreiben, die es einem jeden Menschen ermöglicht, sobald ihm irgend ein Vers einfällt, das ganze Lied kennen zu lernen. Wir hoffen, damit auch einiges Geld zu verdienen, und Geld brauchen wir immerzu. Außerdem darf ich demnächst auch ein Velum (eine Kelchdecke) sticken, aus roter Seide mit Gold zu einer Altarbekleidung nach Amerika. Ich wollte, der Tag wäre nur ein paar Stunden länger...

 In dankbarer, kindlicher Liebe

Deine Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 12. September 1860

 Liebste, beste Mutter, ...leider kann ich Dir über die Suspension unseres Herrn Pfarrers noch nichts Bestimmtes schreiben. Vor nun bald drei Wochen kam ein Reskript vom Oberkonsistorium, sehr wohlwollenden Inhalts, in welchem den vorigen Ansprüchen, Bedingungen und Weigerungen eine milde Ausdeutung gegeben wurde, die sich zu früheren Reskripten wie günstige Widersprüche verhielt. Da aber die Ausdrücke zuweilen etwas zweideutig und verhüllt gegeben waren, so schrieb Herr Pfarrer auf dieses Reskript noch einmal, um ganz klar und offen zu sein. Auf dieses letzte Schreiben

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 112. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/114&oldid=2951067 (Version vom 10.11.2016)