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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 2. Januar 1863

 Meine geliebte Mutter, dieser Brief sollte noch zu Neujahr kommen, nun geht er erst nach Neujahr ab. Laß Dir denn jetzt noch unsere herzlichen Wünsche gefallen. Es sei das Jahr 1863 ein Jahr großen Segens für Dich, meine liebe Mutter. Dein letzter Brief schien mir ein wenig traurig zu sein. Du denkst darin der Vergangenheit. Ich finde das gerade um die Weihnachtszeit sehr natürlich. Aber wollen wir doch lieber unsere Blicke vorwärts und aufwärts und heimwärts richten. Es ist wohl nichts Leichtes, fast alle Kinder nun fern zu haben, da man sich am meisten ihrer Nähe freuen würde; aber es gibt ein ewiges Wiedersehen und ein ewiges Beisammensein. Mich begleiten in diesen Tagen beständig Bilder, die ich am Silvesterabend gesehen. Sie stellten das Gericht vor von dem berühmten Maler Fiesole. Ich kann’s gar nicht vergessen, wie die Seligen dargestellt sind – ich erzähle Dir einmal mündlich davon. Es war der Maler ein sehr, sehr frommer Mönch im 14. Jahrhundert, der immer mit Fasten und Beten an die Darstellung irgendeines Gegenstandes ging. Und das merkt man eben all seinen Bildern an: eine Frömmigkeit und Innigkeit, die man sonst nicht findet. Denke Dir nur, wir Diakonissen bekamen eine jede ein Bild von diesem Maler zu Weihnachten. Am Heiligen Abend, nachdem der erste Jubel unserer Kinder sich gelegt hatte, sagte Herr Pfarrer, jetzt würde den Diakonissen beschert. Wir mußten uns alle um den brennenden Baum stellen. Dann befahl uns Herr Pfarrer uns jetzt zu freuen. Wir fingen gehorsam an, wenigstens über den Befehl zu lachen. Über eine Weile erschien Herr Konrektor mit einem weiß bedeckten Korb. Wir mußten nun zunächst Nummern ziehen, und je nach denselben wurden die unter dem Tuche befindlichen Rollen ausgeteilt. Erst nachdem eine jede die ihrige hatte, sagte Herr Pfarrer, was sie in sich bärgen, nämlich Bilder von Fiesole, und erst danach wiederum durfte eine jede das zierliche, weißseidene Mäschchen öffnen. Dabei gab es denn einen Hauptspaß, zu sehen, wie das Los entschieden hatte. Ich bekam ein sehr schönes Doppelbild mit dem Kampf in Gethsemane und der Grablegung. Auf beiden wird die Treue der heiligen Frauen dargestellt, indem sich Fiesole denkt, es hätten dieselben den Herrn betend in ihren Gemächern

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 131. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/133&oldid=2951029 (Version vom 10.11.2016)