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an Weihnachten so wenig Zeit zu feierlichen Privatbescherungen gibt. Habe Dank für alles!...

 Bei uns gab’s diesmal recht viele Gottesdienste; zu allem kamen noch zwei Leichen. Gestern am Silvesterabend wurde das neunzehnjährige Töchterlein des hiesigen Wirts Ottmann[1] begraben. Solch ein Vater- und Mutterschmerz wie da ist einem noch selten entgegengetreten! Herr Pfarrer sagte, so lang er hier sei, habe er die Kirche so voll noch nicht gesehen. Die Eltern haben nun gar kein Kind mehr. „Ihre einzige Perle ist ihnen ins Grab gesunken.“ Der Wirt ist ein frommer Mann, der auch häufig Ungewöhnliches sieht: Dämonen um Herrn Pfarrer herum, wenn dieser predigt, oder den Chor voll Engel beim Sakrament, oder einen Schein um Herrn Pfarrer, wenn er am Altar steht. ...Nur einmal möcht ich, daß Du unsern Betsaal im Weihnachtsschmuck sehen möchtest mit seinen Blumen und Lichtern, oder unsere Krippe, die Sara so künstlich aufgebaut... An unserer lieben seligen Elise Todestag sind wir an ihr Grab gegangen, das wenige Tage zuvor mit einem Grabstein geziert worden war, in welchen die Lampe der klugen Jungfrauen eingehauen ist. – Wer nur erst so weit wäre wie sie!

Deine dankbare Theresia.


An ihre Schwester Ida.
Neuendettelsau, den 5. Januar 1866

 Liebe Ida, ...das weißt Du, daß der große Deinzer’sche Sohn Herrn Pfarrers Vikar ist und Lehrer an der hiesigen Missionsanstalt. Wir hören ihn zuweilen predigen. So viel ich merke, ist er Herrn Pfarrers Augenweide.

 Ist das eine Kühnheit, wenn ich Deinem Herrn Gemahl dies Photographielein zu Füßen lege, und wird er’s gnädig aufheben? Lies ihm dann doch folgendes dazu vor: Die Ansicht ist vom Turm herunter aufgenommen. Man sieht vorne links, von Pappeln halb bedeckt, das „Pfarrhüselchen“, – wie es eine Geisteskranke zu nennen pflegte, – „die selige Hütte, in der ich sechs Jahre mit meiner Helene aus- und eingegangen bin“. (Du weißt doch, wo es so heißt.) Vis à vis


  1. Der Wirt im Gasthaus zur Sonne.
Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 154. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/156&oldid=2951005 (Version vom 10.11.2016)