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7. April ist er fortgegangen. Gerade acht Tage vorher ist mein Patchen ein Jahr alt geworden. Marie und mehrere Fürther Schwestern sind nach Nürnberg gereist, um ihn noch einmal zu sehen. So viel Schmerzliches die Trennung hatte nach einem so langen Zusammenleben, so sind nun doch unsere kirchlichen Verhältnisse wieder licht und helle geworden, und ich meinesteils bin von ganzem Herzen dankbar für die gute Wendung, die nun doch bei scheinbaren Unmöglichkeiten möglich geworden ist, zumal ja auch Herr Konrektor selbst dabei zum Frieden gekommen ist. Herr Pfarrer hat mit seinem Herrn Vikar einstweilen selbst wieder die Geschäfte übernommen, und da sich letzterer nicht schämt, nach Herrn Pfarrers Anordnungen zu handeln, so geht alles gut bis jetzt. Für die nächsten Monate hilft auch ein Geistlicher aus Rußland, der sich längere Zeit hier aufhält und später ein Diakonissenhaus in Reval gründen will. ...Wir erwarten in der nächsten Zeit den Domine Heldring aus Holland, von dem ich vorigen Herbst geschrieben. Ich freue mich, daß die beiden Männer zusammenkommen. Du weißt, daß Gottfried Löhe mit Agnes Liesching verlobt ist? Am Osterabend war die Verlobung.

 O der schöne Frühling: Unser Garten ist sonst nicht schön und präsentiert mir sonst immer das Wort Langeweile. Aber jetzt mahnt er mich immer in seinem wunderbaren weißen Blütenschmuck an das Paradies und den Frühling jener Welt. Wenn der einmal anbräche! Liebe Mutter, bete doch für mich, besonders um ein recht mildes und gütiges Herz. Es klingt dumm, aber manchmal dünkt es mich zu schwer, daß ich so viele Menschen liebhaben soll und insonderheit für eine jede meiner Schülerinnen ein ganzes, warmes, volles Herz haben...

Deine dankbare Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 21. Juni 1866

 Meine liebste Mutter, ...wie trüb und traurig sieht’s allenthalben aus[1]! Mir ist’s, wie wenn auch unser stilles Glück, mein stilles Glück die längste Zeit gewährt hätte. Zu all den großen Nöten macht mich auch Herrn Pfarrers zunehmendes Alter so besorgt. Es kann ja nicht anders sein. Es


  1. Beginn des preußisch-österreichischen Krieges.
Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 157. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/159&oldid=- (Version vom 10.11.2016)