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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 15. Juli 1869

 Meine liebe Mutter, ...Heut hab ich einen sehr glücklichen Tag. Laß Dir erzählen, warum. Dieser Tage lag mir’s sehr am Herzen, daß doch Gott unsern Anstalten es auch am irdischen Gut nicht mangeln lassen wolle. Ich sagte auch meinen Schülerinnen davon, und wir beteten ein paar Abende auf unsern Knien um irdisches Gut für unsere armen Anstalten. Frau Oberin sollte in diesen Tagen viele Zinsen zahlen und hatte kein Geld. Da führte heut Herr Pfarrer Fremde herum, und mit einem Male rief er mich her und hieß mich meine Hand aufheben, er wolle mir was schenken, – und da legte er mir ein Goldstück nach dem andern ein, bis 100 fl. voll waren, und hieß es mich zu Frau Oberin tragen; sie solle damit ihre Zinsen zahlen. Überglücklich legte ich Frau Oberin die reiche Gabe auf den Tisch. Dann ging ich zu einer adeligen Dame, die in unserm Hause wohnt und demnächst Diakonisse werden will. Die hatte heut ihren Geburtstag und legte mir ein Papier in die Hand, darin waren 50 fl. „für den Betsaal“. Das griff mir noch mehr ins Herz, denn das ist meine besondere Kasse, und ich hatte so viel Schulden für das Dach und Reparaturen. Ich mußte fast weinen, daß Gott gar so gut ist, wenn man Ihn nur bittet. Vor wenig Tagen hätte ich so gar gern eine Rechnung gezahlt. Es fehlten mir aber noch über 3 fl. Indem ich nun so wünsche und denke und auch ein leiser betender Gedanke wie schüchtern sich aus meiner Seele hebt, da kommt ein Mädchen daher und verlangt von mir, ich solle ihr Geld wechseln. Ich gebe ihr Kreuzer und Pfennig, und sie füllt damit ihr Portemonnaie und sagt: „So, jetzt bring ich mein großes Geld nicht mehr hinein. Nehmen Sie das und verwenden Sie’s, wie Sie wollen.“ Damit gibt sie mir 2 Taler. Ich war ganz erstaunt und fragte sie noch, ob sie’s auch wirklich tun könne. Und als sie beharrte, ja, es sei ein Geschenk, – da nahm ich’s mit Dank gegen den wunderbaren Gott, der einen kaum entstandenen Gedanken versteht und in übergroßer Güte gleich erhört, damit wir endlich einmal „bitten lernen sollen, wie die lieben Kinder ihren lieben Vater.“

 Unserm teuern Herrn Pfarrer merkt man das fortschreitende Alter oft recht an. Wenn ihm nur jemand etwas abnehmen

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 179. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/181&oldid=2955138 (Version vom 20.11.2016)