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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 23. Januar 1872

 Meine liebe Mutter, nur einen herzlichen Gruß durch Schwester Johanna, damit Du wieder weißt, wie es mir geht. Ich wollte in diesen Tagen an Adolf schreiben und ihm danken für seinen Brief und die Zusendung der Zeitung mit dem Nekrolog. Ich fand nur noch keine Zeit dazu. Danke ihm doch einstweilen recht schön für beides. Der Nekrolog ist recht schön. Es kommt ja wohl noch einmal einer in der Luthardtschen Zeitung. Gestern las ich einen, der von Weber sein soll. Das ist bis jetzt von allem, was ich gelesen, das schönste. Er hat das Leben des Seligen tief erfaßt. –

 Ich bin so froh, daß die Zeit so eilt. Heute sind’s schon drei Wochen, daß die Abschiedsstunde schlug. Ich kann nicht viel anderes Tröstliches denken, als daß die Zeit enteilt, das Leben entschwindet und dann ein ewiges Wiedersehen kommt. Noch bin ich von dem nagenden Schmerz zu sehr hingenommen, als daß ich so recht danken könnte für das, was ich gehabt, und daß mich Gott in Gnaden gewürdigt hat, mein armes kleines Leben in Beziehung zu dem großen zu bringen, das nun abgeschlossen ist. Ich bin überhaupt immer noch wie im Traum und tue meine Geschäfte wie im Traum und muß mich unzählige Male fragen, ob’s denn auch wahr ist. Am vorigen Sonntag hatte ich eine selige Nachmittagsstunde, wie seit langem nicht mehr. Da war’s, wie wenn mir ein rechter Trank des Trostes gereicht würde von oben her; das Heimweh und Sehnen wurde zwar größer, aber es war eine Süßigkeit dabei.

Deine dankbare Tochter Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 24. Februar 1872

 Meine liebste Mutter, wir hatten neulich einen rechten Freudentag am 2. Februar, als die Jüdin getauft wurde. Sie ist so ernst und meint es so redlich, daß es in der Tat eine rechte Erquickung gewesen ist, diese Feier erleben zu dürfen. Ich erzähle sie Dir nicht, weil sie im nächsten Diakonissenblatt beschrieben ist. Es war die ganze Sache wie ein letztes Vermächtnis unseres vielgeliebten Toten. Mein letztes Gespräch mit ihm handelte von ihr, und so gerne hätte er sie selbst noch getauft. Caroline Meyer und ich waren die Patinnen.

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 202. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/204&oldid=2955156 (Version vom 20.11.2016)