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Briefe von 1872–1883


An ihre Schwester Marie.
Neuendettelsau, den 10. Juli 1872

 Meine liebe Schwester, so, nun ist’s geschehen, das große Ding: Dettelsau hat wieder einen Pfarrer, die verwaiste Gemeinde einen Hirten. Der 10. Juli 1872 soll uns unvergeßlich bleiben. Die Anstalt übernahm es, das Haus zu schmücken. Wir holten also Eichen- und Buchenlaub und wanden Girlanden und Bögen. Bruder Michel machte alles sehr schön. Noch ein letztes Mal durchging ich die leeren, geliebten Räume – und diesen Abend ist schon reiches Leben darinnen. Ein Teil der Gemeinde zog dem neuen Pfarrer bis Lichtenau entgegen; die Schuljugend und die übrigen empfingen ihn an der „Markung“ auf dem Weg nach Schlauersbach. Ein Kind überreichte einen Blumenstrauß. Die Brüder posaunten das bekannte Ordinationslied. Herr und Frau Pfarrer saßen im offenen Wagen, eine große Kutsche barg die Kinder mit der Tante Ottilie Schmidt. Sechs Reiter von Dettelsau ritten voraus, und etwa sechs Bauernwägelein fuhren hinterher. In feierlichem Zuge schritt Herr Missionsinspektor Bauer mit Herrn Verweser Fleischmann, Herr Konrektor Deinzer mit Herrn Schaudig etc. Wir Anstaltsleute standen nur so in der Ferne, um etwas zu sehen; wir gehörten nicht mehr zum Zuge. Ich stand mit meiner Schule im Pfarrstadel, und wir verstanden beinah alles, was geredet wurde. Herr Pfarrer stieg aus und redete die große Versammlung an. Was er sagte, ging aus einem tiefen Gefühl des eigenen Unvermögens hervor und ging drum so tief zu Herzen. „Herr, ich bin nicht wert, in dies Haus zu gehen; ich bin nicht wert, da zu wandeln, wo ein Heiliger Gottes gewandelt hat.“ Nach der Rede wurde wieder gesungen und posaunt (aus dem gleichen Liede), dann betete Herr Pfarrer: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt. Herr, sei mir allewege nahe, mir, dem Zagenden. Laßt uns zusammen beten!“ Ein lautes, vielstimmiges und einmütiges Vaterunser stieg in dieser feierlichen Stunde zu Gott auf. Die Glocken, die den Einzug mit ihrem Geläute geleitet hatten, waren verstummt; aber viel Seufzer und Bitten werden aufgestiegen sein. Herr Pfarrer dankte dann allen denen, die ihn eingeholt hatten,

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 208. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/210&oldid=2955116 (Version vom 20.11.2016)