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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 25. Januar 1877

 Meine liebste Mutter, ...ich habe mich dieser Tage über etwas so arg gefreut: Seit Jahren ist es von Mathilde Lichtenberg und mir ein Lieblingsgedanke, in dem kleinen Dörflein Haag einmal eine Betglocke zu sehen. Wir verfolgten so in der Stille unser kleines, liebes Ziel. Man schenkte mir wohl einmal, etwa am Geburtstag, einen kleinen Beitrag zum Haager Glöcklein etc. Nun faßte ich mir neulich ein Herz und schrieb an die Glockengießerei in Nürnberg, wie hoch solch ein Glöckchen zu solchem Zweck käme. Da schrieb man mir eine Berechnung, die nicht ganz die Summe erreicht, die wir schon beisammen haben mit dem, was die Gemeinde selbst beiträgt. Wie mich das freute! Es sind mir diese Sonntagsgänge und die Stunden unter den Bauern eine wirkliche Erquickung, und ich bin so dankbar, daß mir das Gott erlaubt. Wenn ich nicht so gesund wäre, könnte ich’s ja nicht. Ich könnte Dir manchen schönen Zug aus dem Leben in Haag erzählen, und Gott wird es wissen, daß ja doch noch viel Gutes in der armen hiesigen Gemeinde ist, die ein Hirte so viele Jahre lang auf treuem Herzen getragen...

 In inniger, dankbarer Liebe

Deine Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 17. April 1877

 Liebste Mutter, ...ich bin sehr fröhlich und dankbar. Es ist mir zuweilen, wie wenn’s wäre wie in der ersten Zeit, da mir hier eine neue Welt aufgegangen ist, aber es ist doch anders, als es damals war, da ich den Ernst des Christentums noch nicht kannte; es ist ernster, aber schöner. Wenn ich nur gar nichts mehr begehrte als Ihn ganz allein, den Schönsten unter den Menschenkindern...

 Fast haben wir auch im Diakonissenhaus keinen Platz mehr, aber es freut mich, daß unter den vielen Menschen auch eine Schar Kinder ist. Es ist zu nett, das kleine Volk so fröhlich herumspringen zu sehen. Vorigen Samstag begegnete ihnen Herr Rektor und fragte sie, ob sie denn auch wüßten, was jetzt für ein Sonntag käme. Da sagten sie, daß es ja der Sonntag vom Guten Hirten wäre. Da machte Herr Rektor mit

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 232. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/234&oldid=2955150 (Version vom 20.11.2016)