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lassen. Sonst ist er ja durch seinen Beruf genötigt, viel abwesend zu sein. Seit einigen Tagen nun und schon länger litt die liebe Großmama viel Qual und Not, besonders in der Nacht. Da konnte sie nicht im Bette bleiben, das Herz machte ihr so viel Unruhe, und die Schwäche des Gehirns brachte allerlei schwere Zustände. Oft lag sie still da wie im Schlummer. Wenn sie dann aber die lieben, freundlichen Augen aufschlug, kannte sie jedermann und redete noch manches Wort der Liebe mit den einzelnen. Wenn Herr Rektor ihr Gottes Wort sagte oder betete, war sie immer ganz klar und betete mit. „Du bist mein treues liebes Kind, du bist gut, ich aber bin nicht gut“, hat sie gestern noch zu ihrem Sohn gesagt. Er ist ihr einziges Kind, und es wird wohl nicht oft zwischen Mutter und Sohn ein solch inniges Verhältnis sein wie zwischen diesen beiden. Er ist auch außer den sechs Jahren, die er Hofmeister war, niemals lange von ihr fern gewesen. Auch auf die Universität ist sie mit ihm gegangen. Und nun muß das herbe Weh der Trennung durchgemacht werden. „Ich kann nur dankbar sein“, sagte heute Herr Rektor, nachdem alles vorüber war, „aber der Tod ist bitter.“ Ja, wahrlich, er ist bitter, und wie sollten wir ihn ertragen ohne die Hoffnung des ewigen Lebens!

 Ich bin froh, daß ich etwas mehr Glauben empfangen habe, als ich früher hatte, und mich nicht mehr so wie sonst vor dem Tode fürchte, obwohl ich nicht sagen kann, daß ich kein Grauen mehr habe; einmal, als ich Herrn Pfarrer sagte, unserm lieben seligen Herrn Pfarrer, daß ich mich so vor dem Sterben fürchte, da antwortete er mir sehr bestimmt: „Du wirst in der Todesstunde überrascht werden von Seiner Güte.“ – Samstag nachmittag um vier Uhr wird das Begräbnis sein. Herr Rektor hat nun bald sechs Wochen nicht mehr gepredigt wegen dieser Lähmung der Gesichtsnerven, die so plötzlich über ihn gekommen. Es geht ja schon besser, aber recht langsam. Oft durfte ich während der Krankheit zu ihm kommen und etwas schreiben oder auch etwas vorlesen, weil er seine Augen nicht viel anstrengen sollte. Das war mir schon eine Freude in diese ernste Zeit hinein.

 Nun geht auch unser Doktor Riedel fort. Er mußte natürlich seiner Familie wegen nach einer Bezirksarztstelle trachten.

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 235. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/237&oldid=2955108 (Version vom 20.11.2016)