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ist mit mir. Wenn Herr Pfarrer sagt: „Wer äußerlich nicht aufräumt, der räumt auch innerlich nicht auf“ und: „Gott ist ein Gott der Ordnung“, wenn er uns mit dem Apostel ermahnt: „Lasset alles ehrlich (d. h. herrlich) und ordentlich zugehen“, dann müßte man doch keinen Funken Sinn für das Gute haben, wollte man dennoch nicht gehorchen. Man bekommt von solchen Dingen hier ganz andere Ansichten, hält das für wichtig und hoch notwendig, was man sonst gänzlich vernachlässigt. So geht es mir auch mit dem Schreiben. Wenn ich recht aufrichtig sein soll, so muß ich gestehen, daß ich mir früher gar nichts daraus gemacht, wenn ich schlecht geschrieben, sondern gedacht habe, daß es das erste Erfordernis zur Gelehrsamkeit ist, daß man schmiert. Herr Pfarrer versteht’s, einem solche Gedanken zu nehmen. Denken Sie, gestern hat er uns Schreibstunde gegeben. Das war ganz eigen anzusehen, wie die 20–30jährigen Diakonissen mit ihrem Schreibtäfelein und Griffel kamen, um das Abc schreiben zu lernen. Herr Pfarrer hat uns da gesagt, daß sich in der Schrift genau das Innere spiegelt und daß man gerade da am besten die Sünden erkennen kann, die der Schreiber sonst zu verbergen sucht. (Er kennt uns also schon genau aus unserer Schrift.) Ach, das ist etwas Herrliches, von Herrn Pfarrer Schreibstunden zu bekommen! Sie sehen zwar an diesem Briefe noch keine Frucht davon, allein es soll dies auch das letztemal sein, daß ich so schmiere; wenn die Zeit nicht langt, dann schreibe ich lieber gar nicht, wenn’s Ihnen recht ist.

 Gestern habe ich mein Herz in beide Hände genommen und Herrn Pfarrer gefragt, ob er’s nicht erlaube, daß ich den Unterricht mitmachen dürfe, den die Krankenpflegerinnen besonders haben. Er erlaubte mir’s gerne, und ich bin ganz glücklich darüber; denn das sollen die allerschönsten Stunden sein.

 Am 23. April ist der Schluß des Semesters. Dann haben wir acht Tage Ferien. Darf ich kommen? Ich hätte Ihnen einen ganzen Haufen zu sagen, lauter Dinge, die sich brieflich nicht gut abmachen lassen.

Ich bin Ihre stets dankbare Tochter Therese.


Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 36. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/38&oldid=2917157 (Version vom 17.10.2016)