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Briefe von 1857–1861


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 13. April 1857

 Der Osterfriede ziehe ein in Ihr Herz und Haus!

 Meine liebe Mutter, ich bin nun schon über acht Tage eingesegnet und habe Ihnen noch gar nicht geschrieben, noch gar nichts erzählt von dem schönen Tage, fast dem schönsten meines Lebens. Nun beginnt ein neuer Lebensabschnitt für mich, eine Zeit des fröhlichen Dienens und Arbeitens im Herrn. Und was ist das für eine Gnade hier dienen zu dürfen, wo man, indem man das wenige, was man hat, andern gibt, selbst so viel empfängt! O liebste Mutter, wie hab ich solche Gnade verdient! Ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue, die der Herr an mir getan hat. Ich habe mich nun mit allem, was ich bin und habe, in Seinen Dienst gestellt. All meine Arbeit ist nun ein Opfer, das ich Ihm bringe. Als Priester steh ich vor meinem Gott und tue mit allem, was ich tue, eitel priesterlich Werk. Meine Füße sind nun gestellt auf den schmalen Weg, und den werd ich nimmer verlassen, so lange ich lebe. Meine Seele hab ich schon verlobt, und Sein soll sie sein in Ewigkeit.

 Die Feierlichkeit der Aussegnung war die gewöhnliche. Wir empfingen auch das heilige Abendmahl. Vier Schwestern wurden mit mir ausgesegnet, eine zu gleichem Berufe wie ich, und drei, um in der hiesigen Blödenanstalt zu dienen. Die Rede, die Herr Pfarrer an uns hielt, werde ich Ihnen einmal schreiben oder vielleicht erzählen. Unter anderm sagte er auch: „Ihr tut zum Teil dieselben Werke, die ihr vor eurer Einsegnung auch getan, aber dennoch ist ein großer Unterschied. Bisher tatet ihr sie freiwillig, nun bringt ihr sie als Opfer dar. Wenn ein Bäcker seine mit Teig bedeckten Hände aufhebt, so kann er auch sprechen: Siehe da, mein Gott, ich bin auch ein Priester, ich bringe Dir diese meine Arbeit zum Opfer“ etc.

 Wie schön war es, daß ich gerade am Palmensamstag eingesegnet wurde und Marie am Sonntag konfirmiert! Der Herr gieße Seinen reichen Segen aus auf uns beide! Gewiß hat auch der selige Vater und Ludwig für uns gebetet. Die darauffolgende Nacht habe ich unsern lieben seligen Ludwig im Traum gesehen.

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 64. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/66&oldid=2920469 (Version vom 24.10.2016)