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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 24. Juli 1857

 Herzallerliebste Mutter, Friede sei mit Ihnen! Ich muß sehr um Entschuldigung bitten, daß ich diesmal so lange nichts habe von mir hören lassen, aber es war mir wirklich kaum möglich, eine Zeit zum Briefschreiben zu erübrigen, zumal in den letzten Wochen, da sich die Arbeit durch Krankheit zweier Lehrerinnen etwas gemehrt hat. Daß ich mich, wenn auch nicht brieflich, doch anderswie mit Ihnen beschäftigt habe, können Sie denken. Ich freue mich diesmal gar sehr auf die Ferien, die ich vielleicht in Eichstätt diesmal zubringen darf, besonders macht mich der Gedanke recht fröhlich, mit Ihnen fleißig Psalmen singen zu können. Wir singen solche täglich beim Abendgottesdienst, und wir vermissen dabei nur die Harfe (Davids Kinor), die hier durch kein anderes Instrument, auch nicht durch den bescheidensten Ton der Physharmonika ersetzt wird. Es gibt nichts Einfacheres und zugleich Erhabeneres als den Psalmengesang.

 Nun stehen wir schon im vollen Sommer, die Erntezeit beginnt schon; das Herz geht einem auf, wenn man hinausgeht, sonderlich hier, denn die hiesige Gegend hat in der Tat etwas Eigentümliches, was mir eigentlich erst in der letzten Zeit auffällt. Die ganze Umgebung scheint zu unserm Hause und zu dessen Ziel zu passen. Sie werden es gewiß auch finden, wenn Sie einmal hieher kommen.

 Freilich muß die Hoffnung, die ich hiemit ausspreche, immer geringer werden, weil mein oftmaliges Bitten noch gar keinen Anklang gefunden hat. Nur jetzt, gerade jetzt wenn jemand von den Deinigen hier wäre, denke ich oft um des gegenwärtigen Unterrichtes willen, den Herr Pfarrer gibt und der von einer Herrlichkeit und Hoheit ist, daß, wenn man da zuhört, man mit fortgerissen und emporgezogen wird. So habe ich noch nie die vier ersten Kapitel des 1. Buches Mose angeschaut, wie ich sie jetzt anschaue; solche Höhe und Tiefe habe ich nie darin gefunden, wie jetzt nach diesen Stunden. Mir ist nur leid, daß ich sie nicht aufschreiben kann und Ihnen schicken, denn ich habe keine Zeit, aber vielleicht kann ich mir in den nächsten Ferien das Heft von Doris Braun, die die beste Nachschreiberin ist, entlehnen. Es war ganz rührend, wie

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 67. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/69&oldid=2920450 (Version vom 24.10.2016)