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liebe Herr Pfarrer zum ersten Mal wieder den Abendgottesdienst hielt, an welchen er einige Worte, zu uns geredet, anschloß. Ich kann nicht sagen, was dies für einen Eindruck auf uns machte, zum ersten Mal wieder eine längere Rede aus seinem Munde, noch dazu unter solchen äußerlich glänzenden Umständen (denn der Saal war prachtvoll geschmückt) zu hören. Ein Kandidat, der an der hiesigen Knabenanstalt arbeitet, sagte bei seiner Rückkehr: Nein, man meinte doch, man sei im Paradies gewesen. Unser Zeichenlehrer, Herr Schramm, hatte auch alles aufgeboten, den Saal so schön wie möglich zu schmücken. Er hatte wieder vier Apostel gemalt und mit denselben Herrn Pfarrer und uns überrascht. Alles war mit Kränzen umgeben und mit zahlreichen Lichtern besetzt. Am schönsten war die in der Mitte des Saales hängende Dornenkrone, ganz mit Efeugirlanden umschlungen und mit roten Rosen und weißen Winden besetzt. Ähnlich waren auch die Uhr und der siebenarmige Leuchter geziert. Am dritten Feiertag war erst die Bescherung der gesamten Bevölkerung des Hauses, nachdem die vorhergehenden Abende den Kranken unserer Anstalt und den Bewohnern des Pfründhauses im Dorf beschert worden war, auch die Armen des Dorfes am Heiligen Abend Bibeln und Gesangbücher empfangen hatten. Es war an jenem Abend ein großer Jubel, besonders unter unseren kleinen Kindern. Tagelang vorher war an einer prächtigen Krippe gearbeitet worden, in deren Hintergrund künstlich gemachte Felsen standen und ein ganzer Wald angebracht worden war, aus dem viele Engelsköpfe und goldene Sterne hervorschauten. In einem anderen Zimmer prangte der hohe Baum, den Herr Pfarrer selbst bewunderte, so schön war er. Goldene und silberne Nüsse, glänzende Glaskugeln schimmerten in lieblicher Abwechslung mit allerlei bunten Blumen, die wir selber gefertigt hatten. Bei alldem hatte ich an diesem Fest wieder eine besondere Freude, denn, denken Sie nur, der gütige Herr Korhammer schickte mir eine Fünf-Gulden-Banknote zu einer Bescherung für Arme... Das Beste, was ich von irdischen Gaben in diesen Tagen von hier bekam, hab ich noch nicht erwähnt, das ist nämlich eine Löhesche Postille. Die Kinder schenkten mir dieselbe zum Geburtstag. In herzlicher Liebe

Ihre dankbare Therese.


Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 73. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/75&oldid=2920455 (Version vom 24.10.2016)