Seite:Therese Stählin - Meine Seele erhebet den Herrn.pdf/84

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
An die Mutter.
Neuendettelsau, den 4. Juni 1858

 Liebe Mutter, herzlichen Dank für Ihre lieben Zeilen, die mir besonders von wegen der Nachricht über die Harfe sehr erwünscht waren, denn Herr Konrektor hat bald mich, bald Marie tagtäglich gefragt: Ist noch kein Brief da? Die Harfe soll natürlich besaitet werden, da es ja hier keine Gelegenheit dazu gäbe oder doch wenigstens dies Werk Schwierigkeiten machte. Ich denke, mehr als etliche Gulden wird es nicht kosten, und so viel will ich schon auftreiben, ohne der Anstalt Kosten zu machen, was übrigens auch nicht so viel auf sich hätte. Wenn Frau Kelber bald schreiben könnte und auch dem Harfenmacher bemerken, daß er sich ein wenig eilt, so wäre es sehr gut, damit die Sache nicht so lang hinausgezogen und Herrn Konrektors Ungeduld zu hart geprüft wird... Vorigen Sonntag war Herr Korhammer mit seiner Schwester und zwei Nichten hier. Es waren zwei schöne Tage. Herr Pfarrer hat gepredigt. Ich kann nicht sagen, wie ich mich freue, daß diese Familie so einen Zug nach Dettelsau hat. „Von so einem Besuch muß man wieder lange zehren“, sagte Herr Korhammer, dem der Abschied nicht wenig schwer wurde.

Ihre dankbare Tochter Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 2. Juli 1858

 Liebe Mutter, da Marie schon so viel geschrieben, will ich Ihre Leseorgane nicht auch noch durch einen längeren Brief anstrengen, um so mehr, da ich, wie Sie aus der roten Tinte ersehen, mit Korrigieren beschäftigt bin und noch ein ganzer Stoß Hefte meiner gestrengen Durchsicht harrt. Eine traurige Zeit steht uns bevor: achtwochenlange Trennung vom Herrn Pfarrer! Das ist eine gute Schule, das Herz auch von dieser Person loszureißen, an der es am Ende doch zuviel hängt. Nun gibt uns Herr Pfarrer noch einen Unterricht über Geisteskrankheiten, wobei er uns manche eigene Erfahrung, auf diesem Gebiet gemacht, mitteilt. ...Die ganze letzte Woche war der Sohn eines getauften Juden hier, der seine beiden

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 82. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/84&oldid=2920459 (Version vom 24.10.2016)