Seite:Ueber die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden.pdf/7

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peut dire; obschon er noch nicht weiß was? „qu’il méritoit tout mal;“[1] auf gut Glück, und somit ist er verwickelt; „étant“ eine schlechte Phrase, die ihm aber Zeit verschafft; „de ces gens là“, nun erst findet er den Gedanken, der ihn aus der Noth reißt: „qui sur les animaux se font un chimérique empire“.[2]

Und jetzt beweist er, daß der Esel, der blutdürstige! (der alle Kräuter anfrißt), das zweckmäßigste Opfer sei, worauf alle über ihn herfallen und ihn zerreißen.[3] – Ein solches Reden ist wahrhaft lautes Denken. Die Reihen der Vorstellungen und ihrer Bezeichnungen gehen neben einander fort, und die Gemüthsacten für Eins und das Andere congruiren. Die Sprache ist alsdann keine Fessel, etwa wie ein Hemmschuh an dem Rade des Geistes, sondern wie ein zweites mit ihm parallel fortlaufendes Rad an seiner Axe.

Etwas ganz Anderes ist es, wenn der Geist schon, vor aller Rede, mit dem Gedanken fertig ist. Denn dann muß er bei seiner bloßen Ausdrückung zurückbleiben, und dies Geschäft, weit entfernt ihn zu erregen, hat vielmehr keine andere Wirkung, als ihn von seiner Erregung abzuspannen.

Wenn daher eine Vorstellung verworren ausgedrückt wird, so folgt der Schluß noch gar nicht, daß sie auch verworren gedacht worden sei; vielmehr könnte es leicht sein, daß die verworrenst ausgedrückten grade am deutlichsten gedacht werden. Man sieht oft in einer Gesellschaft, wo durch ein lebhaftes Gespräch, eine continuierliche Befruchtung der Gemüther mit Ideen im Werke ist, Leute, die sich, weil sie sich der Sprache nicht mächtig fühlen, sonst in der Regel zurückgezogen halten, plötzlich mit einer zuckenden Bewegung aufflammen, die Sprache an sich reißen und etwas Unverständliches zur Welt bringen. Ja, sie scheinen, wenn sie nun die Aufmerksamkeit aller auf sich gezogen haben, durch ein verlegnes Geberdenspiel anzudeuten, daß sie selbst nicht mehr recht wissen, was sie sagen wollen. Es ist wahrscheinlich, daß diese Leute etwas recht Treffendes und sehr deutlich gedacht haben. Aber der plötzliche Geschäftswechsel, der Uebergang ihres Geistes vom Denken zum Ausdrücken, schlug die ganze Erregung desselben, die zur Festhaltung des Gedankens nothwendig, wie zum Hervorbringen erst erforderlich war, wieder nieder.

In solchen Fällen ist es um so unerläßlicher, daß uns die Sprache mit Leichtigkeit zur Hand sei, um dasjenige, was wir gleichzeitig gedacht haben und doch nicht gleichzeitig von uns geben können, wenigstens so schnell als möglich aufeinander folgen zu lassen. Und überhaupt wird Jeder, der bei gleicher Deutlichkeit geschwinder als sein Gegner spricht, einen Vortheil über ihn haben, weil er gleichsam mehr Truppen als er in’s Feld führt.

Wie nothwendig eine gewisse Erregung des Gemüts ist, auch selbst nur um Vorstellungen, die wir schon gehabt haben, wieder zu erzeugen,

  1. Bei Lafontaine heißt es: „qu’il étoit digne de tous maux“.
  2. Was den Schäfer betrifft … lässt sich sagen … dass er alles Schlechte verdiente … zumal er … zu jenen Leuten gehörte … die wähnen, über die Tiere zu herrschen.
  3. „Die gleiche Freiheit, wie bei Mirabeau, nimmt sich Kleist auch in der psychologischen Ausdeutung und Benutzung der Fabel ‚Les animaux malades de la peste‘ von Lafontaine; den ‚Hund‘ schiebt er eigenmächtig zwischen Schafe und Hirten ein; nicht der Fuchs beweist, daß der Esel das zweckmäßigste Opfer sei, sondern Lafontaine selbst gibt von sich aus die Darstellung.“ Reinhold Steig, Heinrich von Kleists Werke, Band 4, S. 249