Seite:Wilhelm Löhe - Evangelien-Postille Aufl 3.pdf/43

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Liste.png Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres

himmlischen Erscheinung, welche sie hatten, eine große Furcht; aber der Engel des HErrn, der zu ihnen getreten war, sprach sie freundlich an, tröstete sie in ihrer Furcht und in ihrem Schrecken und predigte ihnen die Geburt ihres Heilandes. Das war die allererste Weihnachtspredigt; ein Bote aus dem Himmel hielt sie in der gesegneten Nacht, von der wir reden. Jenseits hat das ganze Werk unserer Versöhnung seinen Anfang genommen: im Himmel war der Rathschluß der Menschwerdung gefaßt worden; vom Himmel war der Sohn Gottes gekommen, um Menschheit an sich zu nehmen; zum Himmel soll die Menschheit wieder geführt, die Erde wieder mit dem Himmel vereinigt werden. So nehmen denn auch die Bewohner des Himmels an der Ausführung der himmlischen Beschlüße freudigen Antheil. Ein Engel predigt nahe bei der Krippe, in welcher der neugeborene Liebling Gottes die erste Ruhe auf Erden fand, − und nach der wunderbaren Predigt sehen die erstaunten Hirten die Menge der himmlischen Heerschaaren, versammelt um den heiligen Prediger, und es wird von noch sterblichen Ohren der herrliche Lobgesang der Heerschaaren vernommen, den seitdem alle Heerschaaren der streitenden Kirche zu dem ihrigen gemacht und ohne Ermüden nachgesungen haben, − der in diesen Tagen auf allen Lippen schwebt, welchen das lallende Kind und der lallende Greis, der Jüngling in seiner Lust und der Mann in seiner Stärke singt, so weit Christen über die Erde hin wohnen.

 Hier, liebe Brüder, wollen wir wieder stehen bleiben und bedenken, was diese erste nächtliche Weihnachtsfeier uns vor die Augen und Ohren bringt.

 Es ist stille Nacht. Die Bewohner von Bethlehem, die Einwohner Judäas, der Weltkreiß des Augustus, Augustus selber ahnen nicht, was geschehen ist. Noch deckt Finsternis das Erdreich und Dunkel die Völker. Aber es soll Licht werden in immer weiteren Kreißen. Licht und Leben soll von Dem ausgehen, der im Stall und in der Krippe liegt, und es soll kein Stillstand Seines Wirkens eintreten, bis die Sonne des Tages nicht mehr leuchtet, nicht mehr der Mond des Nachts, bis ER selbst geworden ist Sonne und Licht, bis Himmel und Erde in Seinem Lichte wandeln. Alles soll von Ihm durchleuchtet, alles Seines Lichtes, Seiner Kraft, Seiner Seligkeit, Seiner Ehren voll werden.

 Als Er geboren ward in Seiner stillen Höhle, in dem Stalle zu Bethlehem, wie klein war da die Zahl derjenigen, welche Ihn kannten und nach Würden begrüßten! Da kniete vor Ihm die Mutter, welche Ihn geboren hatte, und sang wol noch einmal in ihrem Herzen: „Meine Seele erhebet den HErrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes!“ Wenn sie den Neugeborenen ansah und bedachte von wannen er ihr gegeben war, brach sie wol wiederholt in ihre Worte aus: „Von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder!“ Sie erkannte gewis die große Stunde, welche für sie und die ganze Welt gekommen war: ihr leuchtete der stille Knabe heller als die Sonne. Sie war die erste Gläubige, an Seinem großen, geheimnisvollen Leibe das erste Glied. Und Joseph wurde das zweite. Sein freudentrunkenes Auge, seine stille Thräne, seinen Dank, ein Pfleger des Hochgelobten und ein Diener des ewigen Königs zu sein, finden wir nirgends geschildert; aber wer, der einiger Maßen erwägt, welche Offenbarungen dem frommen Joseph zu Theil geworden waren, wollte oder könnte zweifeln, daß der HErr von Seinem Pflegevater erkannt und mit anbetender Liebe aufgenommen worden sei? − So bestand denn das erste Kirchlein des neugeborenen JEsus aus nur zwei Seelen: ein einziger Mann, ein einzig Mägdlein vertraten an Seiner Krippe die Anbetung des ganzen menschlichen Geschlechtes.

 Bald aber wird die Zahl derjenigen, welche um den Heiland der Welt wißen und Ihn anbeten, etwas größer. Die Hirten auf dem Felde sehen ein großes Licht und ihnen wird offenbar des HErrn Klarheit. Sie werden hinzugezählt zu der allerersten Gemeinde, daran kann niemand gerechten Zweifel erheben. Wird ihnen doch alle Furcht benommen durch das Wort des Engels: „Fürchtet euch nicht!“ Wird doch ausdrücklich ihnen große Freude verkündigt! Ist doch ihnen zunächst nach den Worten des Engels der Heiland geboren! Sollten uns diese Worte des Engels täuschen? Gewis nicht! Gewis liegt in ihnen für sehende Augen Beweis genug für den Glauben der Hirten, für ihre Gliedschaft am Leibe JEsu, ob wir gleich im Verfolg der evangelischen Geschichte von ihnen nichts mehr vernehmen.

Empfohlene Zitierweise:
Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres. Samuel Gottlieb Liesching, Stuttgart 1859, Seite 032. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wilhelm_L%C3%B6he_-_Evangelien-Postille_Aufl_3.pdf/43&oldid=- (Version vom 22.8.2016)