Seite:Wilhelm Löhe - Evangelien-Postille Aufl 3.pdf/521

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Liste.png Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres

der kaum verhallt ist, die Blinden und die Lahmen, und der gute Hirte wandelt nun wieder segnend unter Seinen Schafen und entläßt alles geheilt, was krank und preßhaft zu Ihm gekommen oder gebracht worden war. Da gab es wohl auch laute Stimmen, aber keine, welche die Anbetung hinderten, sondern mehrten. Das ziemte dem Heidenvorhof wohl, daß Gutes darin gethan ward zum Vorbild aller blinden und lahmen Heiden, die Sein, ihres Heilandes, warteten; aber daß Israel mit Markten und Schreien dem armen Heidenvolk den letzten Platz im Tempel nahm, das ziemte sich nicht und das litt Der nicht, der HErr war in Seinem Hause und herrlich darinnen waltete.


 Da habt ihr, meine Freunde, die Geschichte und ihre Erläuterung, und nun käme die Anwendung. Doch muß ich mich erst besinnen, ob ich dem, was ich zu sagen habe, nicht eine Unehre thue, wenn ichs eine bloße Anwendung nenne, ob ichs nicht vielmehr wagen soll, die Reformation eine Wiederholung dieser That JEsu zu nennen? Ich will euch die Wahl laßen zwischen den Benennungen Anwendung und Wiederholung. Ich denke aber, der HErr hat in der Reformation wie dortmals im Tempel gewaltet, und der Unterschied war keiner, als der eine, daß man Ihn im Tempel persönlich sah und bei der Reformation nicht.

 Es ist weder meine Absicht, noch meine Aufgabe, hier aus der Reformationsgeschichte zu erzählen. Aber ich erinnere euch an den Anfang, an den ersten Anlaß der gewaltigen Bewegung im Haus des HErrn, die wir Reformation nennen. Was war der erste Anlaß? Tetzels Ablaßkram, der mit unverschämter Frechheit über die ohnehin schon schlimme Lehre der Römischen vom Ablaß hinausgieng. Wenn er mit seinen Fahnen und seinem Gepränge in die Kirchen einzog und den Geldkasten des Ablaßes in den Gotteshäusern aufrichtete und laut predigte, daß er für Geld, nach Taxe, so für zukünftige, wie für vergangene Sünde Straflosigkeit zusichern und Absolution anweisen könne: ist das nicht ein Markt und Kram gewesen, der jenem im Tempel gleich war, ja ihn an Abscheulichkeit übertraf? Und dieser Ablaßkram war doch erst nur das grobe Ende eines damit verwandten und zusammenhangenden, weitausgedehnten gottlosen Wesens. Ich will nicht an die käuflichen Seelmessen allein, überhaupt nicht an dergleichen Einzelheiten erinnern; sondern ich sage, das Haus Gottes war in Lehr und Gottesdienst und Zucht und Regiment verunreinigt, und an die Stelle des lebendigen, seligmachenden, lauteren Wortes Gottes hatte sich Menschentand und Menschenlehre gesetzt und breit gemacht. Es ist hier nicht auszuführen, nicht weitläufig darauf einzugehen; aber ich spreche nachweisbar die Behauptung, die tausendmal erwiesene Behauptung der Reformatoren und aller Protestanten aus, wenn ich sage: Vor der Reformation sah es in den Kirchen und in der Kirche selbst gerade so und nicht beßer aus, als im Vorhof des Tempels zu Jerusalem in den Tagen Christi. Wer es widerlegen kann, der widerlege es; so werden alle Redlichen abbitten; aber es wird nicht widerlegt werden können, es ist von den Römischen selbst oft zugestanden worden und sie selber datiren von der Reformation an eine neue, beßere Zeit ihres Kirchenwesens.

 Die Reformation, meine Freunde, was war sie? Wie es in der Kirche vor ihrer Zeit aussah, wißen wir; aber was war sie selbst? Richtet, ob es wahr ist. Ich sage: Der HErr gieng damals in Seinen Tempel, flocht eine Geißel aus Stricken und fegte Seine Vorhöfe aus; die Reformation war eine Tempelreinigung. Oder ist es nicht so? Wo ist denn nun bei uns all der Ablaßkram, die Seelmessen, die Meßopfer, die Werkerei und aller der zahllose, unendliche Menschentand? Umgeworfen und ausgefegt ist die ganze Sache. Das Wort des HErrn wie eine starke Geißel fuhr hinein und machte ein Ende der großen „Geistesplage“, der schweren Ueberlast, die von Menschen auferlegt und dennoch nicht menschenmöglich, sondern unerträglich war. Das Wort des HErrn fuhr hinein und das Getümmel der eigenen Wege, der Jahrmarkt der Selbst- und Werkgerechtigkeit hörte auf − und wer im Tempel blieb, das war der HErr mit Seinen Aposteln und Jüngern, mit Seinem süßen Evangelium. Meine Freunde, ich bin gar nicht blind für die Mängel und Gebrechen, die im Hause des HErrn entweder noch übrig sind von frühern Zeiten oder durch Schuld der Gegenwart sich erzeugten. Ich hab meine Thränen und meine Klage über die Gestalt der Kirche vor euch nie verborgen und will es auch jetzt nicht thun, wie das Ende dieses Vortrags zeigen wird. Kein Mensch kann weniger als ich der Meinung sein, daß es so, wie es geworden und noch ist, völlig recht sei. In

Empfohlene Zitierweise:
Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres. Samuel Gottlieb Liesching, Stuttgart 1859, Seite 182. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wilhelm_L%C3%B6he_-_Evangelien-Postille_Aufl_3.pdf/521&oldid=- (Version vom 31.7.2016)