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Liste.png Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres

„Weib“ nicht, aber auch unehrerbietig ist er nicht, sondern nach dem Sprachgebrauch der Griechen höchst ehrerbietig − und alles, was er an dieser Stelle aussprechen soll, ist ein Verbot des Hochgelobten, irdische Mutterschaft in den Geschäften Seines göttlichen Berufes geltend machen zu wollen. Der Ausdruck: „Was hab ich mit dir zu schaffen?“ verstärkt die Kraft und Wirkung der fernenden Anrede und weist die Mutter aus dem Kreiße eines Berufes, der dem HErrn allein zusteht, wiewohl auch hier die deutsche Uebersetzung Luthers einen Ton in die Worte bringt, der am Grundtext durchaus nicht haftet. Kein anderer Sohn, auch kein im Lehramt stehender, kommt leicht in den Fall, mit seiner Mutter in aller Ehrerbietung so aus der Ferne und aus der Höhe zu reden. Ist es schon einer jeden Mutter heilig verboten, sich in Amt und Beruf ihres Sohnes einzumischen; ist es gleich Recht und Pflicht eines jeden Sohnes, den Einfluß leiblicher Verwandten auf ein ihm obliegendes Amt nicht zu dulden; so ist doch weiter kein Sohn in der Welt, dem ein solches Amt befohlen und der selbst so über Mutter und Verwandte erhaben wäre, wie unser HErr, − und keiner braucht deshalb mit solcher Schärfe Einfluß abzuwehren. Aber Er mußte es! Er mußte es um der Wahrheit willen, um zukünftiger Zeiten willen, − und es war nicht genug, daß Ers that: diese Antwort mußte auf die Nachwelt kommen, sie mußte nebst andern Reden Christi von gleicher Art aufgeschrieben werden, sie mußte es grade durch die Hand des Jüngers der Liebe, der die Mutter JEsu bis zu ihrem Tode gepflegt hat, auf daß ein völlig unverdächtiges, glaubwürdiges, unumstößliches Zeugnis von JEsu Erhabenheit auch über Seine Mutter für alle Zeiten bestände und es kund würde, daß sie in Dingen Seines Amtes nicht Mutter, sondern Weib hieß in Seinem Herzen, daß Er ihretwegen Seine Stunden nicht beschleunigte, nicht von Seinen Planen wich, daß Er nur als Sohn, nicht als König des Reiches ihre Person ansah. Das laßt uns, theure Freunde, wohl verstehen und sofort besehen, was unser Evangelium von JEsu Erhabenheit über die Creaturen schreibt.


 Die Erhabenheit unsers HErrn JEsus Christus über die Creatur erweist sich in unserm Evangelio durch ein Wunder. Was ist ein Wunder anders, als ein Beweis von der Macht des Geistes über das Leibliche? Wir haben davon schon am dritten Sonntag des Advents gesprochen. Wer ein geistig Wort spricht über die todte Natur − und sie gehorcht ihm; wer zu den Elementen oder von ihnen redet, und es geschieht, und dem, das nicht oder doch nicht so ist, gebieten darf, daß es alsbald da steht oder nach seinem Willen wird; wer ohne alle Vermittelung seinem Wort und Willen Kraft geben und mühelos die geschaffenen Dinge formen und verändern kann je nach den inwendigen Gedanken seines Geistes: der thut ohne Zweifel Wunder und offenbart seine Herrlichkeit über die körperliche Welt. Das sehen wir im Lebenslauf unsers HErrn JEsus Christus oftmals, das sehen wir heute an der Creatur des Waßers. − Sechs große steinerne Waßerkrüge waren im hochzeitlichen Hause gesetzt, zwei oder drei Maß giengen in einen jeden, nicht aber zwei oder drei Maß nach unserer Schätzung, sondern viel größere, da man je auf eine Maß zwei und siebenzig Flaschen rechnet. Die Diener füllten auf JEsu Befehl die Krüge bis oben an mit Waßer. So wie das geschehen, erhalten sie den Auftrag, zu schöpfen und dem Speisemeister eine Probe zu bringen, und der Speisemeister erkennt Wein, guten Wein, der den zuvor geschenkten bei weitem übertrifft. So war also durch den bloßen, nicht einmal ausgesprochenen Willen Christi aus dem Waßer Wein geworden, und der stille Gedanke Seiner Seele, die leise Willensregung Seines Herzens wurde von dem Elemente des Waßers, das sonst für keines Menschen Wort und Stimme Sinn und Ohr hat, durch den vollkommensten Gehorsam geehrt. So offenbarte Christus Seine Macht und Herrlichkeit über die Creatur gleich am Anfang Seines Amtes und Prophetenlaufes.

 Die Wunder unsers HErrn haben fast alle ein besonderes Merkmal, welches ganz mit Seiner allgemeinen Lebensaufgabe zusammenstimmt. Nicht die alte Welt zu verderben und eine neue zu schaffen ist Er gekommen und Mensch geworden, sondern die alte Welt zu erneuen, die schlechte Welt zu beßern, eine Wiedergeburt derselben anzubahnen und herzustellen, sie von der Eitelkeit und deren Dienste zu erlösen und von aller Beimischung des Bösen zu reinigen. So sind denn auch alle Seine einzelnen Wunder mit fast keiner Ausnahme gleich bei dem ersten Anblick als solche zu erkennen, die zur Beßerung vorhandener Zustände

Empfohlene Zitierweise:
Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres. Samuel Gottlieb Liesching, Stuttgart 1859, Seite 075. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wilhelm_L%C3%B6he_-_Evangelien-Postille_Aufl_3.pdf/86&oldid=- (Version vom 22.8.2016)