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Liste.png Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres

allem Uebel zu erlösen, hinausgehe. Ein Kriegsmann, ein Mann der zeitlichen Ordnung, wird, obwohl ein Heide, gewürdigt, im Glauben Christi Thun als ein Walten in heiliger Ordnung zu schauen, und wie ganz seine Erkenntnis von Gott gekommen, sahen wir an dem großen Beifall, welchen ihr der König der Ordnung spricht.

 Ferner eröffnet uns der HErr selbst eine Aussicht, welche uns die Straße von der Erde zum Himmel und das heilige Wachstum Seines Reiches enthüllt. Oben im Himmel sehen wir an Tischen des ewigen Lebens die Schaar der Auserwählten sitzen, und diese Tische ordnen und überschauen die Väter der Gläubigen, die Fürsten beim ewigen Hochzeitmahle, Abraham, Isaak und Jakob. Und hinauf zum hohen Saale der ewigen Freuden ziehen auf Wegen des Glaubens vom Aufgang und Niedergang, aus allen Völkern die berufenen und erwählten Kinder Gottes. Alles, was ankommt, reiht sich an die Tische, wo schon Millionen seliglich sitzen und des Tages der Herrlichkeit warten, alles ordnet sich unter den gütigen Blick und das freundliche Regiment der Patriarchen. Eine Ordnung des himmlischen Reiches, die Ordnung, wie aus dem Gnadenreich das Reich der Herrlichkeit sich gestaltet, eine heilige Tisch- und Hochzeitmahles-Ordnung, eine Ordnung der Seligkeit wird uns gezeigt.

 Also ein gemeinsames Gut des alten und neuen Testamentes, des Gnadenreiches und des Reiches der Herrlichkeit, der Zeit und der Ewigkeit ist Ordnung. Die Welt ist ein wirrer, ungeordneter Haufe, ein Nebel, in dem es wallet und webet und sich versucht, zur Ordnung zu kommen, aber es kommt zu keiner Ordnung; denn die Ordnung ist Gottes − und Welt und Satan mühen sich vergeblich, Gott hierin nachzuahmen. Wo aber in aller Welt Christus gepredigt wird, da fährt in den Nebel ein mächtiges, ordnendes Sonnenlicht, und der oberste Grundsatz göttlicher Ordnung ist gefunden: Christus über alles, alles unter Ihm. Alle, die selig werden, reihen sich nun an Ihn an, wie Glieder ans Haupt, und vom Haupt aus wächst und füget sich aus der Menge heiliger Glieder der Leib, die neue ewige Schöpfung Gottes in Christo JEsu, die Kirche. Und die Verbindungsglieder, die Sehnen und Bänder, welche die Glieder zum Leib verbinden, durch welche sich die himmlische Schönheit der Kirche gestaltet, das sind die Diener Christi, welche Sein Amt tragen, Ihm Seine Braut vermählen, Seine Gläubigen Ihm einverleiben. Sie sind, wie der Apostel sagt, die Gelenke und Fugen, durch welche der gesammte Leib Christi zusammenhängt. So ist, so wächst Seine Kirche durch immerwährende Vereinigung dem vollkommenen Alter und der göttlichen Größe entgegen. Und wenn nun alle hinangekommen sind, die erwählet sind, und das letzte Glied zum Leibe sich gefunden hat, und die Ewigkeit beginnt, die himmlische Stadt auf die neue Erde herunterkommt, so wird auch dann Ordnung sein, und Gott wird ewig sein ein Gott der Ordnung, wie uns dahinein herrliche Blicke die letzten Capitel der heiligen Schrift gewähren.

 Ich weiß nicht, meine geliebten Freunde, ob euch der Gedanke der heiligen Ordnung in seiner vollen Wichtigkeit erscheint. Aber das weiß ich gewis, daß es ein göttlicher Gedanke und daß die Ordnung selbst ein göttliches Werk ist. Sehen wir auf das alte Testament, in welchem sich unter Hohenpriestern, Priestern und Leviten die heilige Menge des Volkes Gottes ordnet: wer hat es also befohlen, wer ist der Ordnung Vater, wenn nicht Gott selber, der den Körper in Christo und vor dem Körper her den heiligen Schatten geschenkt hat, an dem man des Körpers kommende Gestalt inne werden konnte? Im Gnadenreiche erscheint Christus als das Haupt, Ihm unterthan Sein Leib und außer diesem auch alle Dinge. Wer hat Ihn gesetzt zum Haupt der Gemeine über alles, und wer hat gesagt, daß die Gemeine Sein Leib ist und die Fülle des, der alles in allem erfüllet? Wer lehrt uns, was kein natürlicher Verstand erkennt, daß wir durch unsere Taufe Christi Glieder sind, die zusammenhangen durch Fugen und Gelenke? Es ist der Geist und Gott der Ordnung. Und warum wird uns jenseits an den ewigen Tischen eine heilige Ordnung gezeigt, die Patriarchen an der Tische Spitzen? Ists ein Mährchen, daraus wir diese Züge des ewigen Lebens erkennen? Und ist die Offenbarung, die St. Johannes niederschrieb, ein Mährchen, da wir den HErrn über den Cherubim thronen, um Ihn her Stühle und Harfenspieler und Sänger und Erzengel und Engel schauen? Ists irdische, sinnliche Eitelkeit, ists kindische Verwegenheit, daß wir vom Himmel so zu denken und zu reden uns unterwinden? Es ist der HErr, der uns auch jenseits Ordnung, Ueberordnung, Unterordnung, Anbetung, Gottesdienst und Liebesübung zeigt. Der HErr selbst legt uns diese heiligen Gedanken in

Empfohlene Zitierweise:
Wilhelm Löhe: Evangelien-Postille für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres. Samuel Gottlieb Liesching, Stuttgart 1859, Seite 086. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wilhelm_L%C3%B6he_-_Evangelien-Postille_Aufl_3.pdf/97&oldid=- (Version vom 22.8.2016)