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man nicht leugnen; aber man sollte dies Verderben nicht Erbsünde, sondern ein geerbtes Verderben nennen; denn eine Sünde kann’s nicht sein, weil wir’s geerbt haben, wie man etwa eine Krankheit und ein Gebrechen erbt, – wir haben es nicht begehrt, aber es hängt uns ohne unsern Willen an, ja, ehe wir einen Willen haben.“

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 Hierauf antworte ich: Gut, so soll denn die Erbsünde nur ein Verderben, nur ein Übel, nicht eine Sünde sein; aber wo kommt denn das Übel her? Wie es über Adam kam, das wissen wir, und er hat es mit Sünden verdient; aber wie kommt es auf die Menschen nach ihm, die nicht, wie er, in gleicher Übertretung gesündigt haben? Du kannst nichts dafür, kein Mensch kann etwas dafür, deinen Eltern kannst du die Schuld nicht beimessen, denn sie haben’s auf ebenso unbegreifliche Weise geerbt, wie du; es wird dir kein Ausweg übrig bleiben, als entweder es dem Teufel oder Gott zuzuschreiben. Dem Teufel einmal kann man die Macht nicht zuschreiben, alle Menschen im Mutterleibe zu verderben, das wird Gott nicht dulden; wenn’s aber der Teufel nicht ist, so ist’s Gott, ohne dessen Zulassung selbst der Teufel nichts vermag! So hat also der Schöpfer dich so verderbt – und du kannst nichts dafür! ER hat dir in der Erbsünde eine Strafe aufgelegt, die du nicht verschuldet hast. ER ist an dem Verderben des Menschen schuldig. ER ist demnach ungerecht, weil ER straft, wo keine Schuld ist, – ER ist grausam, daß ER so unerträgliches Leid auflegt denen, welche keiner Strafe schuldig sind! Also Gott, Gott trägt die Schuld der Erbsünde, also Gott ist ungerecht. – Wenn dir aber das zu sagen frevelhaft erscheint, so wirst du nicht anders sagen können, als Gott beistimmen, welcher alle Menschen, wie sie von Natur sind, Kinder des Zornes und Fluches nennt; es muß am Ende doch so sein, daß dir dein lüsternes, dein von Gott abgewendetes, fleischernes Herz zur Sünde angerechnet wird, du mußt am Ende doch selbst die Schuld davon mit Recht tragen und nur aus Mangel an Einsicht nicht wissen, wie es damit zuging. Es wird, wenn nicht die Schuld auf Gott fallen soll, schon nichts übrig bleiben, als die Schuld da