Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/157

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Mauern der Stadt zu eng. Er meinte, nach des HErrn Weissagung, Gott auf diese Weise einen Dienst zu thun, – ging zum Hohenpriester und bat ihn um Briefe gen Damaskus, wo viele Juden wohnten, damit er Vollmacht hätte, zu thun zu Damaskus wie in der heiligen Stadt. Mit den Briefen im Busen schnaubte er hinaus, und sein Leben war dazumal Dräuen und Morden wider die Jünger des HErrn. So eilte er vorwärts ohne Rasten, nach Damaskus hinauf, der Wasserstadt, wo eine junge Gemeinde unter des HErrn Flügeln die Tage ihrer ersten Liebe ihrem Christus darbrachte. Aber, sie war still, die Stadt Damaskus, ihre Auen grünten, ihre Kanäle flossen dahin. Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzet und unter dem Schatten des Allmächtigen trauet, der fürchtet sich vor keinem rauchenden Löschbrand Saulus, sondern spricht getrost zu dem HErrn: „Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich traue!“

 O Saulus, Saulus, eile, brause dahin! Jawohl, nach Damaskus sollst du, das hat der HErr in Seinem Herzen längst gesagt. Aber merke dir auf den Weg den Spruch: „Des Menschen Herz schlägt seinen Weg an, aber der HErr allein giebt, daß er fortgehe!“ Du gehst nach Damaskus, du willst nach Damaskus, du kommst nach Damaskus; aber dein Weg geht doch nicht hinaus! Halleluja! Saul, Saul, geliebter Bruder Saulus, deine Stunde hat geschlagen!

 Geliebte Seelen, während Saulus die Beschwerden seiner segensvollen Reise trägt, stehen wir ein wenig still, schlagen an unsere Brust und sinnen nach! Welch ein Wüterich und Scheusal Gottes war Saulus, ehe der HErr ihn heimsuchte! Wer hätte vermutet, daß aus ihm der größte aller Apostel werden, daß er, der überflüssige, der dreizehnte, die gezwölfte Zahl an Gnaden und Gnadenkraft übertreffen würde? Sehet, wir Menschen gehen allesamt in der Irre, wie Schafe, ein jedes erwählt sich seinen Weg, ein jedes sieht auf seinen Weg, verfolgt ihn eigensinnig, und den Weg des Friedens kennt kein Sterblicher durch angeborene und eigene Weisheit. Der Weg ist schmal und die Pforte ist enge, die zum Leben führt, und ach! wie wenige sind es, von denen sie gefunden