Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/260

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und Gott ist, denn unser Gewissen wird übertäubt mit vielen Sünden, daß es nicht mehr zeuget; wir thun, als wäre nichts zu fürchten, wir lassen es darauf ankommen, wir würden verderben ganz und gar, wenn es auf uns ankäme, wir thäten keinen Schritt, den Prozeß bei dem Richter aller Welt zu gewinnen, wie die Narren gingen wir der Hölle entgegen und ließen uns träumen, was uns bevorstehe, sei das Paradies! Indessen schreien die Kläger laut, ihre Klagen sind gewichtig, unser Gewissen ist zwar stille, aber oft zeugt es doch, oft redet es doch, und Gott hört es, auch wenn wir es nicht hören; das Auge des Richters rollt, auf seinen Lippen schwebt schon das Urteil, da tritt einer hervor, ein Engel aus Tausenden, und viele Kronen der Ehre sind auf Seinem Haupte, vor Ihm schweigt der Kläger. ER hat einen Namen über alle Namen, in Seinem Namen beugen sich alle Knie, bei Seinem Auftreten lächelt das Auge des Richters wieder, und das Urteil zögert! Der ewige Fürsprecher, unser teurer Anwalt, JEsus Christus stellt sich dar als Mittler, als Bürgen, ER will unsere Sache vertreten! ER fängt an für uns zu bitten und zu sprechen! Er bittet für die, welche zerbrochenes Gemüt haben, ER bittet für die, die ihn nicht kennen!

ER vergißt ja auch der Armen,
Die der Welt noch dienen, nicht,
Weil Sein Herz Ihm vor Erbarmen
Über ihrem Elend bricht.
Daß Sein Vater ihrer schone,
Daß ER nicht nach Werken lohne,
Daß ER andre ihren Sinn –
Ach, da zielt Sein Bitten hin!


VII.

 Aber, sprichst du, kann ER die Sünde ungeschehen machen? kann ER das Gesetz ausmerzen? kann ER’s vergessen machen? kann Er’s dahin bringen, daß es ist, als wäre kein Gesetz gegeben? kann ER unsere Sünden aus dem Gedächtnis Gottes auslöschen? kann ER Gottes Wort ändern? Bleiben wir nicht immer Sünder vor Gott? Wenn aber das, müssen wir dann nicht gestraft werden? kann uns der gerechte Gott ungestraft