Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/302

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er freut sich des Guten, was andere thun, ebensosehr, als dessen, was er selbst thut. Er trachtet danach, ein Urteil des Geistes, ein heiliges Urteil, ein vom Eigennutz unabhängiges Urteil über seine und fremde Gaben zu empfangen, aber er trachtet nicht, sich oder andern einen Ehrenplatz zu sichern. Der Demütige läßt seine und fremde Gabe gelten, wie viel sie gelten soll; er übt in Demut den Einfluß, zu dem ihm seine Gabe recht giebt, und läßt in Demut anderer Gabe auf sich Einfluß haben, soweit es recht ist. Kurz, der Demütige möchte weder sich noch andere, sondern allein das suchen, was Gottes ist. Weil er aber weiß, wie sehr das Fleisch noch Einfluß hat auf des Geistes Urteil, und wie unergründlich böse sein Herz ist, so ist er langsam in seinem endlichen Urteil und sucht wenigstens lieber das, was des andern ist, als das, was sein ist.

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 5. Die Demut hat ferner keinen eigenen Willen, aber sie achtet auch eines andern Willen nicht unbesehens, sondern sie sucht einen einzigen Willen, nämlich den Willen Gottes. Mit dem vermählt sie ihren Willen zu einer ewigen Ehe, und alle ihre Wahl ist entschieden. Sie geht nicht selbst, sondern von Gottes Willen und Wort getragen; sie greift nicht zum nächsten besten Geschäfte, wählt sich nicht den nächsten besten Ort, sondern Gott hat gewählt, sie geht im Glauben an Seiner Hand in ein Land, das ER ihr zeigen wird, zu einem Geschäft, zu welchem ER Raum machen wird. Den Willen Gottes, wie die Schrift ihn darlegt, erwählt sie sich für ewige Zeit, keine Zeit, keine Drangsal machen sie darin irre, unter allen Umständen, unter guten und bösen Gerüchten bleibt sie bei Ihm. Sie weiß z. B., daß der Sünder durch das Blut Christi gerecht wird, und daß dem Menschen kein Stäublein Verdienst zuzuschreiben ist. Dabei bleibt sie wie ein Fels. Sie verneint jede Menschenrede, sie laute, wie sie wolle; sie fällt Gottes Worten bei ohne weiteres. Diese Demut giebt Kraft und Stärke, eben weil sie vereinigt ist mit dem Willen des Allmächtigen. Sie liebt das Leben nicht und ist stärker als der Tod, wenn es gilt, festzuhalten an dem Geliebten, der über den Wolken ist. Sie stärkte von je und je viele Tausende, ihr Kreuz auf Golgatha zu tragen und daran zu