Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/308

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 Und wahrlich, es ist auch größer eine Krone ablegen, als eine Krone aufsetzen; nichts werden in der Welt, als ihres Preises sich freuen!

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 Wir fanden die Demut JEsu vor vierzehn Tagen ferner in Seinem Versöhnungswerke, in Seinem Gehorsam, und zwar ebensowohl in dem leidenden, als in dem thätigen Gehorsam. Aber eben darin finden wir auch Seine Hoheit und die Offenbarung Seiner ganzen Größe. – Sechstausend Jahre steht die Welt, alle zwanzig Jahre geht eine Schar von Hundertmillionen Menschen zu Grabe. Jeder Mensch, auch der frömmste, hat zahllose Sünden auf sich liegen, jede Sünde eines jeden Menschen verwirkt zeitlichen und ewigen Tod als Strafe: welche Masse von Strafen ergiebt sich, wenn man auch nur mit einem flüchtigen Blick die zahllosen Sünden eines Menschen abschätzt, geschweige die zahllosen Sünden eines Menschenalters, einer Schar von Hundertmillionen. Und nun endlich die zahllosen Sünden aller Menschen, die in hundertundfünfzig hingegangenen Menschengeschlechtern zu Grabe gingen? Diese unaussprechliche, ja unausdenkliche Masse von Strafen auf sich nehmen, an sich alle abstrafen, erschöpft werden lassen, ist freilich Demut über Demut. Aber es ist nicht bloß Demut, sondern wer solche Demut leisten kann, wer diese Masse Strafen wegschaffen, abbüßen und der ganzen friedlosen Welt, den lebenden und hingeschiedenen Geschlechtern Gottes Frieden verschaffen kann, der ist ein Mann, welcher 6000 Jahre aufwiegt, ein Mann, der da sein muß, ehe die Welt gewesen ist, ein Mann, der da Gott ist, ein Mann, den man anbeten muß in tiefem Staub, und es ist klar, daß, solche Demut üben können, ein Zeichen überschwenglicher Größe und Hoheit ist. – Das gilt vom leidenden Gehorsam. Ebenso aber ist es mit dem thätigen Gehorsam. ER ist auf Erden eine demütige Knechtsgestalt. Sein ganzes Leben verzehrt sich wie eine reine Flamme, in Erfüllung, man muß sagen, in Verherrlichung der Gebote Seines himmlischen Vaters und in Seinem aufopfernden Dienste der Menschenliebe. Denn wie ER in Seinem leidenden Gehorsam es auf sich genommen hat, die Übertretung aller Menschengeschlechter durch Duldung der verdienten Strafen zu sühnen,