Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/310

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für alle arbeitet, ist ein Herr aller. Er ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat Ihn auch Gott erhöhet und hat Ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist.

 Wir haben endlich vor vierzehn Tagen auch noch darin JEsu Demut gefunden, daß ER, obwohl erhöht auf Gottes Thron, dennoch sich ohne Unterlaß um alle und jede Seele kümmert, ihr nachgeht, sie mit dem Feuer Seiner Liebe beglücken will, daß ER es ist, der selbst gegenwärtig ist bei den menschlichen Handlungen der Kirche, daß ER die Kindlein tauft, daß ER die reumütigen Sünder absolviert, daß ER bei immer wiederkehrenden Sünden und Thränen der Buße der Seinen treuer Freund ist, sie immer aufs neue absolviert und ihnen die Füße wäscht, welche vom Wandeln staubig geworden sind, daß ER endlich sich selbst samt Seinem Leib und Blut zur Speise giebt. Alles das miteinander, in wenigen Worten zusammengefaßt, heiße nichts anders, als: ER ist es, welcher das Verdienst Seines Lebens und Sterbens den Menschen zueignet, ER hat ihnen Gerechtigkeit, Friede und Freude im heiligen Geist erworben, und nun ist ER bemüht, es in die Seelen niederzulegen, und jede Seele wissen, erfahren zu lassen, was das ist: Christus für uns gekreuzigt, Christus für uns unter das Gesetz gethan.

 Nun steht es keineswegs zu leugnen, daß eine solche Liebe, eine solche Demut des Hocherhabenen, welcher ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben, nach welcher ER sich herunterläßt, alle Seelen zu waschen, so befleckt, so schmutzig sie auch seien, anbetungswürdig ist. Aber es ist auch eine anbetungswürdige Größe darin verborgen. Denn es ist noch ein weiter Weg von der Erwerbung des Guts bis zur Zueignung. Hat Christus gleich alles erworben für alle, so ist doch der Mensch so arm, so schwach, so gefallen, daß er nicht einmal die Hand nach dem erworbenen Gute ausstrecken kann, und es nun allen geben, die Ihn segnen, daß sie thun, was ihnen befohlen ist, die Absolution segnen, die Predigt segnen, daß sie Frucht bringe: das ist nicht Menschenwerk, das ist Gotteswerk. Wer uns das Heil erworben, der kann es uns auch geben.