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den Geber und stehlen Seine Gabe. Bei allen Erhörungen sind aber dennoch die Gebete der Weltkinder keine rechten, im Beten fehlt die Zuversicht, sie wissen nicht, ob sie erhört werden, sie können am Schluß der Gebete das felsenfeste: „Amen! Amen! ja, ja, es soll also geschehen!“ nicht sprechen, und nach der Erhörung fehlt Dank und würdiger Genuß.

 Wahrhaft beten können nur Gottes Kinder, die mit Ihm durch Christum ausgesöhnt, Geist aus Geist geboren, im Frieden leben. Diese haben nicht allein Erlaubnis, sondern auch das Recht, ja sogar Befehl, zu beten, so lieb ihnen ihr Kindesrecht bei Gott ist. Es ist natürlich, daß diese recht beten können, die Weltmenschen sind nur Knechte in Gottes Hause, und was darf ein Knecht zu bitten wagen, was wagt er bei dem knechtischen Geist, den er empfangen hat, bei der Furcht, die er dem HErrn gegenüber hat? Gottes Kinder aber haben einen kindlichen Geist empfangen, der in ihnen ruft: „Abba, lieber Vater!“ der ihnen Freimütigkeit giebt, alles von Gott zu bitten, zu dem sie als Kinder freien Zugang haben.

 Wollt ihr, meine Teuren, rechte Beter werden und mit jeder Bitte freien Zugang zu Gott haben, so werdet Gottes Kinder. Fühlt ihr, daß ihr’s noch nicht seid, o, so wendet euch mit herzlichem Verlangen zu der Stimme des Sohnes Gottes, zum heiligen Evangelium, durch welches alle glaubenswillige Herzen Macht empfangen, Gottes Kinder zu werden. Thut es, meine Teuren, es hat nie jemand gereut, keiner hat jemals der Kindschaft Gottes ein übles Gerücht gemacht, der sie einmal empfangen hat.


III.

 In der Bitte: „HErr, lehre uns beten!“ liegt ganz gewiß auch die: „lehre uns, was wir beten sollen?“ Denn wie soll man doch beten, wenn man nicht weiß, was, was man beten darf und soll.

 Auf diese Frage suche ich hiermit nach Gottes Wort zu antworten.