Seite:Wilhelm Löhe - Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres.pdf/421

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entweder durch Leiden und Mißlingen ihrer Pläne sie zu Verstand zu bringen hofft, oder wo das nicht zu hoffen ist, sie ausgerottet wünscht, damit nicht durch sie mehrere in ihr Verderben hineingerissen werden. So betete einst St. Augustinus: „O daß Du Deine Feinde tötetest, damit sie aufhörten, Deine Feinde zu sein!“ Er wünscht die Feindschaft gegen Gott in ihnen getötet, damit die Liebe zu Gott und das Leben in Gott lebendig werde. Wir sehen hieran, für wen man nicht beten dürfe: nämlich für hartnäckige Feinde Gottes, derengleichen Pharao war.

 Sonst aber sollen wir für alle Menschen beten, wie geschrieben ist: „Thut Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen“ (1. Tim. 2, 1). Wir dürfen beten für uns, beten für unsere Freunde, beten für unsere Feinde, beten für die, welche wir kennen und welche wir nicht kennen. Welch eine große, weite Arbeit des liebevollen Beters!

 Man bemerkt an so vielen Menschen, wenn sie vom Geist des Christentums entzündet sind, großen Drang nach christlicher Wirksamkeit: mit der Erfahrung der Liebe Christi wächst auch der Trieb, allen Menschen als Leitstern zu JEsu Christo zu dienen. Wenn unter euch solche sind, denen will ich zeigen, wie man in weiteren Wirkungskreisen sich bewegen kann, als der größte Missionar, z. B. Paulus gehabt hat in Wirkungskreisen, in denen man, so groß sie sind, mit Kräften wirken kann, welche der Macht aller Könige und Kaiser in der Welt spotten. Höret mir zu! „Geh in dein Kämmerlein, und schließe die Thür zu, und bete zu deinem Vater im verborgenen, und dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird dir’s vergelten öffentlich“ (Matth. 6, 6). In diesen Worten liegt mein Geheimnis, vom Kämmerlein aus hat man die versprochene große Wirksamkeit. Du lächelst: du sagst, ich sei ein Charlatan, das vom Kämmerlein habest du längst gewußt. Wohl, antworte ich, aber auch gethan? Bist du ein fleißiger Gast im Kämmerlein, oder wenn du dem gleich, der dir gebietet, ins Kämmerlein zu gehen, kein eigenes Kämmerlein hast, bist du gern auf einsamen Bergen oder in stillen Thälern, wie ER, oder wenn du das zu thun auch nicht Gelegenheit