Seite:Wilhelm Löhe - Sieben Vorträge über die Worte JEsu Christi vom Kreuze.pdf/107

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

Der HErr hat am Leibe gelitten. Wer sieht und erkennt das nicht? Was aber in Seinem Leben vorgekommen ist, das muß auch ohne Zweifel eine große und heilige Absicht gehabt haben: absichtslos sind also die leiblichen Leiden JEsu Christi nicht. Wie könnte das auch sein, da die Menschwerdung das Anziehen einer Leiblichkeit in sich schließt, da der Leib überhaupt in der heiligen Schrift so hoch geachtet ist und eine Bestimmung für die Ewigkeit hat. Ist doch der Leib unser Organ und Werkzeug zur Erfüllung unseres ganzen zeitlichen Lebenszweckes und können wir doch von allem, was wir thun, nichts thun, ohne auch den Leib zu gebrauchen. So wahr daher der HErr Mensch geworden, und ein wahrer Mensch gewesen und noch ist, so gewis hat auch Sein Leib und Sein leibliches Leiden am Werke der Erlösung großen Antheil. Er würde den Leib nicht angenommen haben, wenn Er ihn nicht hätte zu Seinen Erlösungsgeschäften ebenso brauchen müßen, wie wir unsern Leib zu unsern Lebensgeschäften bedürfen. – Der HErr ist unser Erlöser. Hat Er etwa bloß unsere Seele erlöst und nicht auch unsern Leib? Soll etwa dermaleins unsere Seele befreit von aller Sünde und jeder Sündenfolge ein ewiges Leben genießen, und dabei in einem Leibe wohnen, der nicht erlöst wäre, sondern alle Strafen und Folgen der Sünden noch an sich trüge? Könnte man so etwas auch nur denken? Wenn Er aber unseren Leib erlösen muß, wie unsere Seele, wenn Er es auch will und thut, kann es dann ohne Leibesleiden abgehen? Sein Leiden ist doch stellvertretend: um aber leidend die Stelle der Sünder zu vertreten, muß doch auch Sein Leib von Plagen ergriffen werden, da ja auch alle diejenigen, deren Stelle Er vertritt, mit ihrem Leibe gesündigt haben, und samt demselben