Seite:Wilhelm Löhe - Sieben Vorträge über die Worte JEsu Christi vom Kreuze.pdf/137

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voll jammernden Mitgefühls ist, so lange der Kampf währt, aber eine gewiße Zufriedenheit das Herz durchdringt, wenn der letzte Hauch vorüber und der ganze Lebenslauf glücklich geschlossen ist, so fühlt man bei dem letzten Worte JEsu bereits die tiefe Beruhigung, welche Sein vollendetes Werk in den Kindern des Todes schaffen kann. Die Trauer schweigt, die Bewunderung wird laut, und man ruft im Chore dem Vorredner der Kirche, dem Hauptmann am Kreuze nach, der durch den Tod des HErrn zum Glauben und zur Anerkennung Seiner übermenschlichen Würde und Seiner Gottheit gelangte.

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 Das siebente Wort des HErrn beschließt die sechs bangen Stunden JEsu; aber es beschließt auch den zweiten Theil der sechse, die drei letzten Stunden. In diesen dreien war das erste Wort ein Psalmenton: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlaßen,“ und das letzte ist auch ein Psalmenton, ein Wort aus dem einunddreißigsten Psalm und deßen sechstem Verse genommen. Der heilige Jakobus sagt: „Leidet jemand, der bete, ist jemand fröhlich, der singe Psalmen.“ Der HErr aber gieng mit Psalmen in die Finsternis und geht mit Psalmen wieder aus ihr heraus; Psalmen haben ihn geleitet vom Anfang bis zum Ende, eine Bemerkung, durch welche nicht allein der Werth der Psalmen aufs höchste steigt, sondern durch welche wir auch in die Stimmung JEsu und in Sein inneres Verhalten einen Blick thun können. Die Psalmen, die Ihn bewegen und beschäftigen, reden von Ihm selber, sind Weißagungen von Ihm. Er beschäftigt sich mit ihnen, um sich innerlich dadurch zu stärken, daß Er sich vorhält, wie die Schrift erfüllt werden müße. Es ist, wie wenn das geschriebene Wort mitten in Seinem Weh und Leid Seines