Seite:Wilhelm Löhe - Sieben Vorträge über die Worte JEsu Christi vom Kreuze.pdf/136

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ich, denn das Waßer ist der Quelle, von der ich rede, zwar ähnlich, aber keineswegs gleich, und das unerschütterliche Anhangen JEsu an Seinem Vater und der Erfahrung, namentlich wie Er sie in den letzten sechs Stunden machte, ist auch über das apostolische Vertrauen und die Treue Pauli weit erhaben. Wenn wir uns den vollen Eindruck verschaffen wollen von der Treue JEsu, so müßen wir sie gar nicht mit der Treue Seiner Apostel, welche doch nur aus Seiner Treue floß, vergleichen, sondern vielmehr mit dem Verhalten des ersten Adams im Paradiese in seiner Versuchungszeit. Gleichwie der erste Adam versucht wurde und fiel, so wurde der zweite Adam versucht und stand; dort bestand die Versuchung in einem lügenhaften Reize, der leicht entschleiert und vernichtet werden konnte, hier aber besteht sie in geheimnisvollen Kämpfen und Schrecken der Hölle und im Gefühle der Gottverlaßenheit, von welchem wir nicht einmal eine Ahnung haben. Dort betraf sie den ersten Menschen im vollesten Glücke, hier den zweiten Adam im größten Unglück, in der größten Schwachheit des Leibes. Dort währte die leichte Versuchung einen Augenblick, hier aber währt die schwerste, uns nach ihrer vollen Wucht verborgene Versuchung lange Stunden. Jene endigte mit bösem Gewißen und hatte das Verderben der ganzen nachfolgenden Menschheit zur Folge, diese endigt mit dem Ausspruch des vollsten Vertrauens und tiefsten inneren Friedens, und ihre Folge ist die Versöhnung der Welt. Gegenüber der folgenreichsten Untreue in Versuchung steht die folgenreichste Treue, welche sich herzgewinnender und rührender nicht aussprechen konnte, als in den Worten voll Kraft und Friede: „Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist.“ So wie man an Sterbebetten